Dienstag, 17. April 2012
Drittes Kapitel "Susi Meier"
Drittes Kapitel

„Susi, komm essen!“ Eine alte Dame mit zerfurchtem Gesicht stand in der Fliegentür der Veranda und hielt nach dem kleinen blonden Mädchen Ausschau. Doch die ließ sich nicht blicken. Quietschend fiel die Tür wieder zu. „Dann eben nicht!“, murmelte sie ärgerlich in ihren Damenbart hinein.
Hinter dem alten, fast verfallenen Holzhaus hockte Susi im verbrannten Steppengras und hielt einen Stein in ihren kleinen Händen. Die blonden, lockigen Haare waren zerzaust und hatten sich aus dem Gummiband gelöst.
Der Stein gefiel ihr und sie nahm ihn mit zu dem Baum, auf dem sie oft stieg, um sich in ihre Welt zurückzuziehen. Das Rufen ihrer Nanny hatte sie nicht gehört. Von einem großen knorrigen Ast des Baumes hing eine Flasche an einem dünnen Seil, daneben an einem weiteren Wollfaden eine Art zerbrochener Krug. Susi stellte sich vor die beiden, im heißen Wind schaukelnden Gegenstände, nahm den länglichen, faustgroßen Stein und schlug vorsichtig an die Flasche. Diese fing augenblicklich an zu schwingen und ein gläserner Ton, hell und etwas klirrend, unterbrach das Zirpen der Grillen. Immer wieder berührte sie die Flasche in einer ähnlichen Art, manchmal stärker, manchmal schwächer. Es schien, als ob sie gezielt den Klang verändern wollte. Danach probierte sie das Gleiche vorsichtig auf den Tonkrug. Ein tiefer, etwas dumpfer Ton erklang. Das gefiel ihr überhaupt nicht. Sie überlegte ein Weilchen regungslos, beugte sich zum Boden und griff entschlossen eine Hand voll der rötlichen, staubigen Erde, füllte diese in die Flasche und schlug mit dem Stein auf den Flaschenbauch. Die Enttäuschung war noch größer. Sie stampfte wütend auf den Boden, denn nun war anstatt des Klirrens ein dumpfer Ton zu hören. Nachdem sie sich ein wenig beruhigt hatte , überlegte sie mit zur Seite geneigtem Kopf regungslos und rannte dann urplötzlich zurück in das Haus.
Dort schien Gury nur auf diesen Moment gewartet zu haben. Seit sie Susi zum ersten Mal in ihren Armen hielt, das Kind war kaum ein paar Monate alt, kümmerte sie sich als eine Art Nanny um sie. Das traf eigentlich auch nicht ihre Position. Sie war eher die Großmutter als Nanny.
Sie stand gebeugt am dem alten Herd und rührte in dem schon etwas verbeulten Blechtopf. Ihre grauen Locken waren sorgsam zurückgesteckt. Sie pfiff wie immer ein Liedchen, dessen Melodie keiner außer Susi kannte. Sie hatte es schon oft von ihr gehört und fiel gleich mit ihrem hellen Stimmchen in das Pfeifen ein. Gury drehte sich um, lachte und drohte mit dem gestreckten Zeigefinger.
„Da bist du ja! Ich habe dich schon zwei Mal gerufen! Setz dich, deine Suppe ist schon fast kalt!“ Sie tat so, als wäre sie sauer und wollte sich zu der vermeintlich am Tisch sitzenden Kleinen setzen, doch diese war schon wieder mit einer Flasche Wasser verschwunden. „Hey, Susi, wo bist du kleines Biest denn nun schon wieder!“, rief sie hinter ihr her. Man hörte ihrer Stimme jetzt doch eine kleine Verärgerung an. Das konnte der blonde Lockenkopf schon nicht mehr hören. Resigniert ließ sich Gury auf ihrem Schaukelstuhl, der sicher auch bessere Zeiten gesehen hatte, fallen. Es war nicht das erste Mal, dass sie von ihrer Kleinen versetzt wurde. Auch wenn sie im ersten Moment meist ärgerlich war, lange blieb sie es nicht. Susi war ihr kleiner Sonnenschein. Und sie war fast ihr Enkelkind, auch wenn sie nicht wirklich mit ihr verwandt war. Sie kannte Susi seit sie aus der Klinik mit ihrer Mutter entlassen wurde und die beiden wie ein Häufchen Elend eine Unterkunft suchten. Es sollte nur für eine paar Wochen sein, aber nun waren fast sechs Jahre vergangen. Gury hatte viele Kinder großgezogen, fast einen ganzen Stamm und ihre Nachkommen waren in ganz Australien verstreut. All die Jahre hatte sie ihr Bestes für ihre Kinder, Enkelkinder und sogar schon Urenkel gegeben. Die meisten von ihnenhatte es vorgezogen, in die Stadt abzuwandern. Das Leben als Aborigines und deren Traditionen war ihnen nicht mehr wichtig und eher altmodisch und unbequem geworde. Es gab kaum Arbeit von deren Ertrag man leben konnte. Dass ihre Erfahrungen noch einmal für ein Kind wichtig werden würde, hatte sie nicht geglaubt, denn sie wollte sich endlich zur wohlverdienten Ruhe setzen. Ihr Mann war lange verstorben und sie dadurch meist allein, wenn nicht ihre Enkelin ab und zu mit den Kindern aus Alice Springs zu Besuch kommen würde. Daher war Susi für sie ein Stück sinnvolles Leben geworden.
Als Maryl mit dem Kind und einer Plastiktüte bei Gury auftauchte, war sie nicht besonders begeistert. Doch Maryl schien nicht sehr an Susi interessiert zu sein, denn sie hielt die Kleine steif und wie einen Gegenstand im Arm und gab das strampelnde Baby gern und recht eilig der alten Aborigine. Das weckte das Interesse der alten Frau. Maryl verschwand in das kleine, spärlich ausgestattete Zimmer, was ihr Gury zeigte. Sie ließ sich sofort auf das alte Metallbett aus Kolonialzeiten fallen und schlief, ungeachtet von Gury und der kleinen Susi auf deren Arm, ein. Das blieb auch die nächsten Tage fast ausschließlich so und Gury kümmerte sich um das verstörte kleine Menschlein. Sie war sehr verwundert, denn bei den Weißen hatte sie ein solches Verhalten noch nicht erlebt. Etwas Schlimmes musste der Mutter passiert sein und sie stellte besser keine Fragen. Auch in den darauffolgenden Jahren übernahm sie meist die Aufgaben von Maryl, denn mit dem Tag ihrer Ankunft kümmerte sie sich kaum noch um ihr Kind.
Das Kleine und dessen Schicksal wuchs Gury ans Herz. Sie war mittlerweile manche Wochen mit Susi allein und wenn nicht ihre Enkelkinder gewesen wären, dann hätte Susi niemanden in dieser Einöde außer Gury, sich selbst und den Tieren kennengelernt.
Am Baum angekommen, schüttete Susi die Erde wieder aus der Flasche, spülte die Reste mit dem Wasser aus und goss, als die Flasche sehr sauber zu sein schien, wieder ein wenig nach. Dann schlug sie mit dem mitgebrachten Stein auf die Flasche ein. Der Ton gefiel ihr immer noch nicht und sie füllte wieder Wasser nach. Nach einigem Probieren schien ihr das Resultat endlich zu gefallen und sie schlug abwechselnd auf die Flasche und auf den zerbrochenen Krug. Es ergab eine klangvolle Terz. Ein Lachen huschte ihr über ihr verschmiertes Gesicht und sie veränderte den Rhythmus. Durch mehrmaliges Verändern des Rhythmusses erklang mit nur zwei Tönen fast eine Melodie. Es hörte sich fast wie die Trommeln der alten Leute in den Siedlungen an, die sie manchmal abends aus der Ferne hören konnte.
Susi lauschte auch heute noch gern den Melodien und sie hört gebannt zu, bis sie verstummen, um auch nicht einen Ton zu verpassen.
Gury ließ dem kleinen Mädchen ihren eigenen Herzschlag des Lebens finden, so wie es Tradition bei den Aborigines war. Und Maryl war es egal. Sie war mit sich und ihren inneren Geistern beschäftigt. Seit sie aus dem Krankenhaus entlassen wurde, war sie nicht mehr die Gleiche und sie schottete sich von ihrer Umgebung ab. Sie schaute ihre Tochter wie durchsichtiges Glas an. Sie war zwar da, aber sie zog nicht in ihr Bewusstsein. Die Zeit, in der sie im Koma lag, hatte die Bindung zu ihrem Baby nicht ermöglicht. Wenn Zoé, die junge Krankenschwester in der Klinik, nicht gewesen wäre, wer weiß! Sie hatte dafür gesorgt, dass das Kind nicht in ein Heim oder Pflegefamilie abgeschoben wurde und bei der Entlassung der Beiden ein gutes Wort bei ihrer Großmutter, Gury, eingelegt. Die war nicht gerade erbaut davon, wieder jemanden aufzunehmen, aber Zoé versprach, das es nur für eine kurze sein würde. Als Gury das kleine Bündel in den Armen hielt, war sie wieder ganz Mutter und wiegte das verlorene Kind wie ihr eigenes. Aus Wochen wurden Jahre und so blieben die Beiden in dem Alten Haus. Wenn Susi nicht so völlig anders ausgesehen hätte mit ihrer hellen Haut, den blonden Haaren und dem europäischen Gesicht, keiner wäre auf den Gedanken gekommen, dass sie nicht ihre Tochter oder Enkelin gewesen wäre. Als Zoé mitbekam, dass ihre Schützlinge keine Anstalten machten, sich einen neue Bleibe oder Existenz aufzubauen, sorgte sie dafür, dass ihre Großmutter nicht alles aus ihrer eigenen Tasche bezahlen musste, was sowieso fast nicht möglich war. Wer von den Eingeborenen nicht dem Alkohol verfallen war, lebte entweder in der Stadt oder konnte sich nach den traditionellen Methoden versorgen. Dafür brauchte man kaum Geld, aber es war auch nicht vergleichbar mit einem europäischen Leben. Tiere und Früchte des Landes befanden sich für die Aborigines in einem ewigen Kreislauf, in den sich die Eingeborenen Jahrtausende lang einfügten. Einige Wenige lehnten die mitgebrachte Zivilisation der Europäer konsequent ab. Zoés Großmutter war weder dagegen noch dafür. Sie lebte ihren eigenen Stil und übernahm die Dinge, von denen sie glaubte, sie würden gut zu ihrem Leben passen und machte keinen Unterschied, ob sie aus ihrer Tradition oder von den Europäern stammten. Sie war prakmatisch und das half ihr über ihr langes Leben hinweg. Susi kam es zugute. Ab und zu brachte auch Maryl Geld mit, wenn sie aus der weit entfernten Stadt nach Wochen zurück kam. Sie überließ es Gury und diese legte es fein säuberlich, jedes Mal, in einen kleinen Tabaksbeutel unter den Dielen in ihr Zimmer. Dort hatte sich schon eine kleine Summe angehäuft, doch sie nahm nicht einen Cent davon.
Die Tür knarzte wieder in den höchsten Tönen und Gury glaubte, dass Susi nun doch noch ihre Suppe essen wolle. Doch in der Küche er schien Maryl. Ohne weiteren Gruß klatschte sie geräuschvoll ihre Tasche auf den Tisch und wandte sich an Gury. Lange hatte sie die junge Frau nicht mehr gesehen, es mussten wohl fast drei Wochen her sein. Wortlos war sie wieder einmal gegangen und keine Nachricht hinterlassen. Susi fragte nicht einmal mehr nach ihr, zu oft war das schon vorgekommen. Sie hatte ja ihre Gury und bei der genoss viele Freiheiten.
„Susi muss eingeschult werden. Ich habe die Aufforderung von der Behörde bekommen!“
Gury antwortete nicht und eine ganze Weile blieb es still in dem Raum. Die Worte hallten in dem Gedächtnis der alten Frau eine ganze Zeit weiter nach, obwohl Maryl schon längst wieder den Raum, ohne auf Antwort zu warten, verlassen hatte.
Sie wusste und befürchtete es. Ihre Kleine sollte nun auch in den Zwang eingegliedert werden! Der schönste Teil ihrer Kindheit war somit vorbei und sie war sich nicht sicher, wie Susi darauf reagieren würde. Susi sprach mit niemanden kaum mehr als drei Worte, außer mit ihr. Ihre Mutter hielt nicht viel von dem Verstand ihres Kindes und machte sich auch keine Mühe, diesen zu ergründen und weshalb Susi so verschlossen war. Es war ihr schlichtweg egal. Doch Gury hatte Angst, dass man ihr das Kind wegnehmen und in eine der Förderschulen nach Alice Springs schicken würde. Auf Maryls Hilfe konnte sie in diesem Punkt lange warten, auch wenn es ihre Pflicht war, sie ignorierte es einfach. Das Problem musste sie somit allein lösen und solange sie für Susi sorgte, sollte diese frei sein, bevor sie erwachsen werden würde.
Gury selbst konnte kaum lesen und schreiben, aber sie wusste, wie wichtig das für das kleine Mädchen später sein würde. Es blieb ihr nichts anderes übrig, sie musste ein weiteres Mal Zoé ins Vertrauen ziehen. In allen solchen Dingen stand diese ihrer Granny helfend zur Seite und diese hatte dadurch kaum Probleme, Angelegenheiten bei den Behörden durchzusetzen oder auch andere wichtige Angelegenheiten schriftlich zu erledigen. Man nahm sie zumindest ernster als Analphabeten. Gury schämte sich oft dafür, dass sie es früher versäumt hatte, in die Schule zu gehen. Sie liebte es, mit ihrer Großmutter in der Weite der Umgebung für den Alltag der großen Familie zu sorgen. Nichts war spannender, zu erfahren, wie man am besten den wilden Bienen einen Teil ihres Honigs abluchste, nicht alles, sonst hätte man im folgenden Jahr keine „Ernte“ mehr gehabt. Es war lebenswichtig, zu wissen, wo man Wasser fand, obwohl keines da war, in der Hitze und in den vertrockneten Flussläufen. Sie lernte die Kakteen auf Genießbarkeit zu unterscheiden und wie man sich am besten vor den kleinen giftigen Spinnen schützte. Das Überleben in der Natur Australiens war nicht einfach und es bedarf sehr viel Wissen, um die wahre Schönheit des Landes zu entdecken. Dieser Kontinent vereint alle Extreme, die schönsten und giftigsten Tiere, die blühendsten und tödlichsten Gebiete, die schönsten und interessantesten Pflanzen und ihre skurrilsten Gegenspieler, die größte Freiheiten, aber auch die größten Gefahren. Wer dort überleben und frei sein wollte, war auf das Wissen der Alten angewiesen oder man blieb in den Städten, die den Großstädten der Welt gleichen.
Gury fühlte sich in den Schulen gefangen. Sie war der Assimilation der Weißen durch Tricks ihrer Familie entronnen, weil man ihre Existenz einfach nicht angegeben hatte. Und da sie weit von dem nächsten bewohnten Gebiet lebten, hatte man das nicht immer überprüfen können. Hundertausende von Kindern waren bis 1970 ihren Familien gewaltsam entrissen worden, um sie in die „weiße“ Gesellschaft assimilieren und ihrer Identität zu berauben. Bei Gury war das nicht gelungen und somit konnte sie noch aus dem reichhaltigen Wissen ihrer Vorfahren schöpfen. Es war schwer gewesen, ihren Kindern und Enkeln das Gleiche angedeihen zu lassen. Sie hatte es teilweise geschafft, doch viele ihrer Angehörigen zogen es vor, wie viele andere auch, wegzugehen und komfortabler zu leben.
Sie war nicht traurig, jeder musste sein Leben finden, aber bei Susi war das anders. Sie konnte es nicht in Worten fassen, nie hatte sie so ein Kind erlebt, so empfindsam und besonders. Sie sah eine Chance für sich selbst und Susi. Sie wollte bei ihr Beides verbinden, Tradition, auch wenn sie keine Eingeborene war, und Ausbildung, ohne die sie in der Zukunft nicht überleben würde. Ihr selbst war es all die Jahre nicht gelungen, das Verlorene nachholen, denn die Arbeit und die Pflege ihrer Kinder, Enkelkinder und schon Urenkel ließen das nicht zu. Jetzt war sie zu alt. Aber das Wissen ihrer eigenen, geliebten Granny sollte nicht verloren gehen. Susi, sie sollte das Wissen unbedingt bekommen, was ihr fehlte, dafür würde sie schon sorgen! Trotzdem hätte sie aber gern noch ein bisschen mehr Zeit mit ihrem letzten Kind, was sie aufziehen würde, gehabt, ohne diesen Zwang, weil sie wusste, dass es der Kleinen wahrscheinlich nicht gefallen würde.
Wie sollte sie ihr helfen? Ihre Mutter kümmerte sich nur um sich und Susi war es gewohnt, den Tag nach eigenem Ermessen zu verbringen. Aber nun war die Zeit herangekommen und die Einschulung rückte mit jedem Tag näher. Hoffentlich brauchte sie nicht in ein Internat, wenn man herausbekam, dass Gury keine Hilfe war. Maryl musste in ihren Plan mit einbezogen werden, ob es sie interessierte oder nicht.
Kinder dieser Gegenden konnten per Funk unterrichtet werden, weil es nur zwei Alternativen gab, entweder sie mussten ins Internat oder bekamen den Schulstoff per Funk. Es funktionierte wie in einer normalen Schulklasse, die Lehrerin hatte in ihrem Netz den Überblick der eingeloggten Schüler und konnte mit jedem persönlich sprechen und ihn abfragen. Mehrere Stunden am Tag, mit Pausen und auch Scherzen, vergingen damit. Man konnte sich nicht einfach verabschieden, ohne dass es Probleme gegeben hätte. Für die ärmeren Familien wurden die Funkgeräte gestellt. Sicher würde auch sie eins bekommen, aber Maryl musste zugegen sein und ihre Mitarbeit unter Beweis stellen. Die Hilfe der Eltern war Voraussetzung, dass es genehmigt wurde.
Maryl sah erst nach langen Diskussionen ein, dass sie Susi unterstützen müsse, ihr wäre es auch recht gewesen, ihr Kind ins Internat zu geben. Doch sie wollte auch nicht ihre Zuflucht verlieren. Das Haus gehörte Gury und sie war von deren Wohlwollen abhängig. Also spielte sie wohl oder übel mit.
Der Tag der Einschulung war nun gekommen und Susi war wieder einmal nicht da. Ganz früh am Morgen hatte Gury sie leise durchs Haus zwitschern hören und es war noch zu früh, um sie ordentlich anziehen zu wollen. Also ließ sie das Kind für ein paar Stündchen gewähren.
Gury wusste, wo sie die Ausreißerin suchen musste. Sie sah den kleinen Blondschopf jeden Tag zu dem nahegelegenen alten Baum weit hinter dem Haus verschwinden und machte sich daher um ihr Verbleiben keine Gedanken. Doch die Stunde der Ankunft der Mitarbeiter von der Schulbehörde rückte unerbittlich näher. Sie musste Susi in ein taugliches Kleidchen stecken und ihre Haare kämmen. Maryl war zu Hause geblieben und saß bei einer Tasse Tee im Wohnzimmer. Sie überließ es Gury, das Kind zu holen und diese schlurfte so schnell sie konnte aus dem Haus.
Wie sie vermutet hatte, sah sie in der Ferne die kleine Gestalt. Die Hitze war jetzt schon wieder kaum erträglich und als sie an Susis Baum ankam, blieb sie verschwitzt, außer Atem und sehr erstaunt stehen. Sie traute ihren Augen und Ohren nicht. An den verdorrten Ästen des uralten Baumes, der schon viele Menschengenerationen gesehen hatte, hingen mehr als ein paar Dutzend Gegenstände an den unterschiedlichsten Fäden und bewegten sich mehr oder weniger im Wind. Sie schienen einer besonderen Ordnung unterworfen, denn als der flirrende Wind die Gegenstände bewegte, stießen einige aneinander und und stimmten in eine Melodie ein, gläsern, klirrend und geheimnisvoll. Andere wiederum schlug Susi in einer harmonischen Reihenfolge mit einem kleinen Stein an und ihre Töne ergänzten die vom Wind erzeugten wie Solisten in einem Konzert. Es entstand ein ungewöhnliches Orchester aus einem anderen Reich, zart und doch unüberhörbar. Susi stand davor, mit dem Rücken zu Gury gewandt und spielte ihr „Instrument", als hätte sie darin Unterricht bekommen. Sie hatte sich ganz allein ein sphärisches Konzert erschaffen, als würden ihre und auch andere Geister in einer schönen Ordnung tanzen. Gury rührte sich nicht und sagte kein Wort. Sie wäre gern noch länger geblieben, denn einen solchen Klang hatte sie noch nie gehört. Es berührte ihre Seele. Die Geister ihrer Ahnen schienen anwesend zu sein und ein erhabenes Gefühl bemächtigte sich ihrer. Das war es, was das Leben ausmachte! Die Vereinigung von Schönheit und Reinheit der Sinne! Ein kleines Kind von kaum sechs Jahren hatte das bewirkt und Gury durfte es erleben. Doch sie musste ihre Kleine losreißen, damit sie nicht zu spät kommen würden.
Ihr wurde es schwer, aber es nützte alles nichts. Wenn sie die Kleine nicht verlieren wollte, musste sie rechtzeitig zurück sein.
Sie ging ein paar Schritte auf das nun regungslos lauschende kleine Mädchen zu und strich ihr sanft über die Schulter ihres Stoffkleidchens. Susi drehte sich erschrocken um. Dem Schreck folgte ein freches Grinsen.
„Horch!“, wisperte sie leise, um darauf sofort wieder zu verstummen. Gury tat wie ihr geheißen und sie erkannte einzelne Melodiefolgen in dem Gesamteindruck wieder. Susi hatte tatsächlich den Klang der Trommeln und des Landes irgendwie eingefangen. Dumpfe zarte Klänge und leise gläserne Töne gaben sich ein neues Stelldichein. Wenn man es doch einfangen könnte, dachte sie sichtlich bewegt. Sie nahm das kleine schlaffe Kinderhändchen und zog sie weg von diesem schönen Ort.

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