Donnerstag, 17. Mai 2012
Grauen im Outback
Wer behauptet, dass es im Outback langweilig wird, der täuscht sich gewaltig! Früher wurde man im finsteren Wald von Rotkäppchens Wölfen belästigt, gar vertilgt und hatte damit danach schlimmstenfalls seine immerwährende Ruhe, heute kann das durchaus auch im Wohnzimmer geschehen, wenn man nicht genügend aufpasst! Diese Erfahrung musste ich heute Morgen machen. Nach langen Träumen mit merkwürdigen Übergriffen der Dänen auf die Deutschen und Hamsterkäufen, wachte ich lieber schnurstracks auf und hörte in meinem Ohr, nach Öffnen nur einer einzigen Wimper, ob ich denn jetzt endlich munter wäre und wie ich meinen Tag nun jetzt endlich geplant hätte. Hatte ich nicht und jetzt würde ich schon gar nicht mehr!! Leicht angewütet drehte ich mich um und versuchte noch einmal anständig aufzuwachen, was aber während der permanenten Intervention des Vorruheständlers nicht mehr möglich war. Nun gut, ich bin ja ganz Frau und somit diplomatisch. Wäre die Diplomatie nicht schon erfunden, hätte ich es getan! Also verschob ich meine Mundwinkel Richtung Ohren und alles war wieder gut. Bis wir aufgestanden waren und ich mich dem reglementierten Alltag unterordnen sollte. Sollte! Und dazu muss ich sagen, dass sämtliche Zellen meiner selbst seit meiner Geburt auf etwas ganz Anderes gebürstet sind. Ich verstehe es zwar nicht, obwohl, wenn ich mir meine Eltern so anschaue, muss ich noch ganz froh sein, dass ich einigermaßen vernünftig geworden bin. Wann ich das bin, kann ich nicht so ganz voraussagen.
Kurz und gut, ich musste mich in meinem Willen durchsetzen, welches Fenster ich aufmachen dürfe und mir dann endlose Vorträge über Effizienz und Verluste, marktwirtschaftliche Orientierung usw. anhören. Mir schwirrten die Ohren, meine verschwindende Lust darauf, was dazu führte, dem Vorruheständler schnell und unerwartet einen ordentlichen Schubs zu geben und MEIN angestrebtes Fenster doch noch zu öffnen. Leider folgte eine Lawine der unglücklichen Verkettungen und hätte beinahe tragisch geendet!
Der Vorruheständler kehrte mir nach meinem Affront beleidigt den Rücken und verließ den Ort der Niederlage. Ich folgte ihn undiplomatischerweise in den Garten, eigentlich wollte ich bloß die vertrockneten Blumentöpfe des besagten Fensterbrettes zum Kompost bringen, aber er sah das ganz anders und floh vor mir zurück ins Haus. Feigling! Aber dort wartete schon das angekündigte Verhängnis!
Ich musste zwangsläufig hinterher, wenn ich mir nicht kurzärmelig und bei der Temperatur den sicheren Tod holen wollte. Vor mir scharwenzelte Kitti, unsere wunderbare, selbstaufgezogene und graugetigerte Nullachtfünfzehn-Katze, die im Haus ihren Snack üblicherweise erwartete. Sonst darf sie ohne Probleme ins Wohnzimmer. Zur Zeit geht das aber nicht, weil ich meine Berliner Allerweltskatze dort einquartiert habe. Sie und ihre Jungen mussten versorgt werden und niemand wäre dann für sie da, wenn ich hier im finsteren Wald weile. Meine Töchter wohnen zwar in der Zeit weiterhin in der Berliner Wohnung, aber sie müssen schließlich sich und ihre Freunde pflegen. War man irgendwann so alt wie diese Kücken, muss man das verstehen. Da bleibt einfach keine Zeit für tierische Verpflichtungen.
Ich machte also die Tür zum Haus auf und in dem Moment sah ich auch schon das Unglück auf uns zukommen. Wolfgang hatte nämlich ebenfalls die Tür zum Wohnzimmer geöffnet und damit Tür und Tor für Kitti geöffnet, und diese ging auch sofort schnurstracks in ihr altbekanntes Reich. Das sah aber die grauenvoll empörte Berliner Emmakatze ganz anders! Sie machte augenblicklich klar, dass allein sie hier wohnte und nichts und niemanden außer uns Zweibeiner dulden würde. Kitti, die eigentliche Herrin des Reiches, aber nun zu einem herabgesetzten Eindringling degradierte Katze, sollte das zu spüren bekommen!! Es dauerte wahrscheinlich bloß die Hälfte einer Sekunde und es ertönte ein grauenvolles Gekreisch und Getöse. Wir waren unfähig zu handeln und wie vor Schreck gelähmt! Wutentbrannte und mörderische Kämpfe offenbarten uns beiden augenblicklich und es war nicht möglich, auch nur im Entferntesten den beiden bösartigen Kampfhähnen in ihrer affenartigen Geschwindigkeit optisch zu folgen. Es flogen nicht nur die Futternäpfe, die Babies und noch einiges andere Inventar herum! Wir versuchten uns nach der Schrecksekunde aufzurappeln und die beiden bitterbösen Katzen zu trennen, oder wenigstens eine der Beiden aus der Gefahrenzone zu bringen. Es stellte sich als fast unmöglich heraus! Nichts Zahmes war noch zu erkennen und in der Savanne unter Löwen wäre es nicht schlimmer zugegangen. Sie ließen einfach nicht voneinander ab und kaum waren sie hier, da waren sie auch schon wieder woanders, und immer hörten wir dieses Kampfgeschrei, was uns fast das Blut in den Adern gefrieren ließ. Wir fühlten uns ohnmächtig und hilflos! Irgendwann saßen die Gegnerinnen fast nebeneinander unter dem Sofa, zischten und knurrten sich in den gefährlichsten Tönen an. Ich hatte keine Muße, darunter zu greifen um vielleicht eine der Kriegerinnen zu fassen. In dem Zustand hätte sie mir vermutlich meinen Arm zerfleischt oder nur einen Finger abgebissen! Ich rief dem Vorruheständler zu, er solle mir schnell einen Besen geben. Aber weder wusste er von der Existenz eines solchen noch fand er etwas Vergleichbares. Er reichte mir ein Stück Pappe! Ich traute meinen Augen kaum. Was sollte ich mit dem Ministück Pappe anfangen, sie damit kitzeln? Zum Glück fiel mir ein, dass ich einen Schrubber irgendwo im Flur gesehen hatte und genau den holte ich mir eilends. Zum Glück war er auch da!! Damit schaffte ich es unter dem Sofa eine der giftigen Weiber hervorzuziehen, die widerwilliger nicht sein konnte. Ich hatte schon ein wenig Angst, dass sie mich angreifen würde, aber eine andere Möglichkeit blieb mir nicht, wenn ich nicht irgendwann eine blutverschmierte Leiche hervorholen wollte.
Es war glücklicherweise Kitti, die daraufhin schnell in die obere Etage floh. Ich ging ihr langsam und betont ruhig hinterher und versuchte sie zu greifen. Sie ließ es Gott sei Dank zu und somit konnte ich sie aus dem Fenster nach draußen entlassen. Ich wähnte die Ordnung nun endlich wieder hergestellt. Doch ich wurde eines Besseren belehrt, denn auf einmal offenbarte sich mir erneut ein genauso bekanntes schreckliches Geschrei. Sollte noch eine andere Katze im Haus sein außer der Emma? Das war unmöglich! Ich ging dem Geschrei entgegen und sah entsetzt, dass Emma plötzlich ihre eigenen Jungen angegriffen hatte und diese um ihr Leben schrien! Ich war entsetzt! Ich musste die Kleinen unbedingt ganz schnell aus den Fängen ihrer eigenen Mutter retten, sonst wären sie wahrscheinlich umgekommen! Ich legte meine Angst vor der Situation ab und griff mir den kleinen dicken Beppo, weg von den bösen Attacken seiner Mutter. Der fühlte sich nun von allen Seiten bedroht und wollte auch mich gleich beißen. Ich schnappte ihn mir am Genick und er merkte schließlich, dass er in Sicherheit war. Sein ganzes Körperchen zitterte wie Espenlaub und das Fell war aufgeplustert wie der allerschönste Teddybär. Wenn er hätte weinen können, er hätte es sicher getan! Danach sah ich auch schon Sylvester an der Wand auf dem Rücken liegen und er schrie so laut, als wäre er ein erwachsener Kater. Mit seinen zarten Füßchen versuchte er sich erfolglos gegen seine Mutter zu wehren. Ihn zu greifen war noch gefährlicher, aber scheinbar erkannte er mich und fauchte nur mit gesträubtem Fell was das Zeug hielt. Mir kam es vor, als hatte ich nicht die Emma, sondern Kitti rausgeworfen. Wie konnte die nur so gegen ihre eigenen Jungen vorgehen?
Zum Schluss saß ganz unglücklich die kleine Missi unter der Couch und Emma giftete auch sie schrecklich an. Ich zog es vor, lieber den Schrubber einzusetzen und kehrte mir das kleine ängstliche Bündel hervor. Alle drei der Babies brachte ich erleichtert ins Schlafzimmer und legte sie dem wartenden Vorruheständler auf den Bauch. Dort konnten sie sich ungestört von dem Gemetzel beruhigen. Es dauerte trotzdem noch eine ganze Weile, ehe sich Emma wieder normal verhielt. Ich sah sie nun mit ganz anderen Augen. So sanft und lieb war sie nun nicht mehr!
Als es ihr nach einiger Zeit besser ging, klopfte sie förmlich an die Tür und holte sich ihre Jungen zurück und tat einfach so, als wäre nichts gewesen. Man kenne sich mit den Viechern aus!
Am Kaffeetisch endlich angekommen, musste ich mir drei Tassen Kaffee genehmigen und drei Stück Zitronenkuchen, damit sich mein Puls beruhigen konnte. Der wird heute Abend auf der Waage leider wieder emporschnellen…..

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