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Sonntag, 23. November 2014
Nutella
Einsam und gottseidank verlassen sitze ich in der kleinen roten Gaststube und höre der wunderbaren Musik aus dem Klassikradio zu. Draußen entfernt sich brummend und immer leiser werdend das kleine blaue Auto, welches die zwanzig Enten, die gestern noch mit matschiggrauen Federkleidern über die Wiese trappelten, in die heimatliche Küche bringen würde. Noch nachgerupft und sorgsam mit Gewürzen versehen werden sie Dezemberenten auf weihnachtlichen Tellern sein. Ein bisschen komisch wird mir dabei, denn früher habe ich sie gefroren gekauft und keinen Bezug zu ihnen gehabt, aber heute?
Mein mit mir verheirateter Nachbar kommt etwas missmutig durch die immer noch quietschende Tür und fragt, ob man gemeinsam frühstücken wolle. Will ich nicht, weil ich auf dem Frühstücksweg für den Pensionsgast selbst ein bisschen gegessen habe und nun satt bin. Noch missmutiger und schweigend stapft der weißhaarige Tierpfleger hinaus. Insgeheim bedaure ich die Situation, aber ich mag keine ritualisierte Frühstückszeit beim Nachrichtenfernsehen, welche sich auf Schweigen oder politische Gespräche festfahren werden.
Ich sehne mich nach Lachen, Singen und ein bisschen unvorhergesehene Verrücktheit, zur Erfrischung der Seele und als Katalysator für den Tag. Früher saß ich mit meinen Kindern um den Frühstückstisch….ewig lange Zeit und man schnatterte, stritt sich gelegentlich, sang zusammen und im Kanon und oft klappte eine Tochter das Klavier auf, begleitete den elfengleichen Gesang der feinen Lieder, die die Kinder damals sangen. Schon zu dieser Zeit wusste ich, dass sie endlich sein würde, diese Zeit, die so schön war und meine Seele zum Klingen brachte.
Davon wird nichts mehr kommen und daher ziehe ich es vor, hier zu bleiben. Somit bekommt jeder das, was er braucht, der Nachbar seine Nachrichten und die Broschüren, die gelesen werden wollen und ich die schöne Musik und das Tippen auf der Tastatur, welches meineTräume und Wahrheiten einfängt.
Vor mir steht ein halbvolles Glas Nutella und ich sinniere still. Meine erste Begegnung mit dieser Sorte Köstlichkeit hatte ich mit cá zehn Jahren. Ein Onkel aus Göttingen brachte uns dieses faszinierende Glas der Schokoladencreme mit. Ein paar Tage musste es stehenbleiben, weil man allein den Anblick schon verführerisch genug empfand. Irgendwann drängelten wir Kinder, doch endlich einmal kosten zu dürfen. Drinnen glänzte uns die braune, cremige und frisch duftenden Masse entgegen. Jeder bekam einen Teelöffel und man durfte damit hineintauchen. Ich tauchte sehr tief und erntete sofort böse Worte. Ich schämte mich zwar, aber war doch froh, dass ich es getan hatte.
Was für ein Geschmack!!!!!! Nougat pur! Meine Lieblingsschokolade und davon ein ganzes Glas voll. Ich schmolz fast dahin und bettelte, noch einmal einen vollen Löffel zu bekommen. Ich bekam ihn nicht. Meine Gedanken kreisten unaufhörlich den ganzen Tag um diese Köstlichkeit.
Am nächsten Tag waren meine Eltern weg und ich wusste, wo das Glas stand. Ich schraubte es auf und steckte meinen Finger ganz ohne Löffel hinein….es schmeckte noch besser als am Tag zuvor und ich schielte fast vor Glück. Noch einmal und noch einmal und noch einmal. Jeden Tag tat ich das. Vor lauter Sparsamkeit hatten meine Eltern nicht mehr an das Glas gedacht und ich dafür jeden Tag ein schönes Zeitchen, gespickt mit einem schlechten Gewissen. Ich beruhigte es ordentlich mit Nutella und dämpfte damit die Eigenermahnungen. Irgendwann war das Glas leer und ich erschrak! Das würde Ärger geben!!! Ich nahm hastig das Glas, spülte es aus und versteckte es.
Niemand fragte mehr danach und ich wunderte mich sehr, doch nach einiger Zeit war das vergessen.
Zu meinem Glück!
Jahre später, als ich schon im Westen weilte und das Land noch geteilt
Ich erhielt einen Brief zurück und darin stand, dass ich nicht die Einzige war, die sich jeden Tag an dem Glas zu schaffen gemacht hatte, sondern jeder Einzelne der Familie tat es und hielt sich für den Schwerverbrecher. Keiner erwähnte daher das Verschwinden und war froh, dass die anderen Familienmitglieder nichts gesagt hatten.
Ein großes gemeinsames Lachen vereinte uns nach Jahren bei einem gemeinsamen Nutellafrühstück!war, schickte ich meiner Familie ein großes Glas mit der Schokoladenerinnerung und legte ein Briefchen mit der Geschichte des ersten Glases bei.

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