Dienstag, 24. April 2012
Resumé eines verlorenen Tages
Es gibt Tage, die gehören in keinen Lebenslauf, sind aber trotzdem hartnäckig präsent und scheinen auch gar nicht aufzuhören. So auch gestern!
Als ich müde und zerschlagen meine Quarkbeine aus dem Bett krätschte, hätte ich es lieber bleiben und den Tag überschlafe sollen. Meine elenden Halsschmerzen hatten sich zu einer fetten Bronchitis selbst befördert und die konn...te natürlich nicht ohne Gliederschmerzen auskommen. Als könnte ich die gebrauchen! Kein Ibuprofen in Sicht und der Vorruheständler würde wieder sagen: „Den Schmerz hält man eben ohne aus, ihr seid alle zu verweichlicht!“
Erstens weiß er nicht, wie sich das gerade anfühlt und muss auch nicht das Auto beladen, stundenlang fahren und dann arbeiten. Ich sage ihm das demnächst, wenn ich bei Gelegenheit seine steifen Finger umbiege!
Als ich nach einem weniger herzlichen Abschied im Auto gen Süden, sprich Berlin, presche, blendet mich die Sonne so sehr – die laut Wettervorhersage gar nicht da ist -, dass ich nach meiner Sonnenbrille in meinem Zigeunerrucksack suche. Dort ist mein halber Hausstand drin, ist bitternötig!, aber die Brille, die ich ganz sicher eingepackt hatte, nicht. Ich traute mich auch nicht länger zu suchen, denn der weiße Golf lenkte jede meiner Suchbewegungen mit. Mein schwerfälliger Renault wäre da wohl stabiler gewesen!! Also musste es so gehen. Einen Augenblick später klingelte das Handy und es war die krächzende Stimme des Vorruheständlers. Das konnte nur bedeuten, dass ich etwas Wichtiges vergessen hatte. Na toll! „Die Leine des schwarzen Tiers ist im Auto und…….!“ Ich krähte wütend zurück und legte sofort auf, denn ich bin schon einmal beim Telefonieren ohne Freisprechanlage erwischt worden. Bloß nicht noch einmal!
Das hieß: zurückfahren! Die nächste Ausfahrt war Malchow und ich verlor dadurch Zeit und die Strecke war dadurch vierzig Kilometer länger. In dem klitzekleinen und mir unbekannten Örtchen wollte ich mir gleich noch Ibuprofen kaufen, damit der Tag zu überstehen ist, denn nach Hause hätte ich es nun nicht mehr geschafft. Ich musste direkt zur Arbeit und in meinem Zustand, nein danke! Mitte auf der engen Straße ging plötzlich das Auto aus und ließ sich für eine Weile nicht mehr starten. Schreck! Wie sollte ich von hier weiter kommen? Nicht mal der Vorruheständler konnte mich noch retten, denn das war sein Auto! Mein Sohn war zu weit weg und ich würde nicht mehr pünktlich kommen. Ich spielte in Gedanken alles durch und als die Verzweiflung beinahe ihren Höhepunkt erreicht hatte, sprang es wieder an, als wäre nichts geschehen! Merkwürdig! Lieber nicht zu lange darüber nachdenken! Hauptsache, es passiert nicht noch einmal!
Schnell noch die Ibu genommen und dann aber zurück zur Provinz! Die Leine hing ich an die Tür, leider war die nicht auf, denn der Vorruheständler fürchtet sich ohne mich, und ich musste in den Garten, weil ich nötig musste. Keiner hat es gesehen!
110 km vor Berlin meldete der Bordcomputer, dass der Tank nur noch für 30 km reicht. Meine Haare standen zu Berge, denn der Vorruheständler hatte gesagt, dass er noch bis Berlin reichen würde. Ich hatte mein Portemonnaie in Berlin liegen gelassen, nur glücklicherweise meinen Ausweis dabei. Konnte ich aus dreißig km hundertundzehn herauspressen? Während ich das dachte, klackte die Anzeige schon auf 25 km. Oh mein Gott! Wo ist die nächste Tankstelle? Ich suchte im Bordcomputer nach der nächst erreichbaren und fand sie auch, fuhr ab und stand direkt davor, aber mit der Angst, was ich dem Tankwart sagen solle. Es war zu peinlich! Ich sonderte im Geschäft, ob ich viele neugierige Zuhörer zu beschäftigen hätte, aber ich war allein. Mein Herz klopfte bis zum Hals und ich wäre gern in einem Loch verschwunden, so abgeranzt fühlte ich mich. Der musste doch denken, dass ich so eine Benzinschnorrerin bin! Ein prüfender Blick an mir herunter sagte aber das Gegenteil, entschied ich. Es war ganz einfach, nachdem ich meinen Text herunter gestottert hatte und füllte ein Formular aus. Zum Glück hatte ich ja meinen Ausweis dabei. Die Fahrt konnte weitergehen. In Berlin angekommen bekam ich kurz vor dem Ziel noch einen Anruf, den ich über Lautsprecher annahm. Sicher der Dank vom Vorruheständler. Von wegen! Meine Tochter hatte ihr nagelneues Handy in einem Großraumtaxi vergessen und meinen dahingehenden Text möchte ich hier allen ersparen! Nicht das noch!
Ich kam noch pünktlich an und trotz der Ibu ging es zunehmend schlechter. Aber das konnte ich noch aushalten und auch irgendwann ist auch ein Arbeitstag zu Ende. Auf dem Nachhauseweg schaltete sich das Auto wieder aus und ließ sich nicht starten. Und wieder in einer knallengen Straße, wo keiner an mir vorbei kommen konnte. Ein Motorradfahrer stieg hinter mir ab und ich schilderte ihm die Situation. „Lassen Sie mich einmal probieren!“ Eine Fahrradfahrerin wollte mir sogar beim Schieben helfen, aber ich winkte ab. Sie hätte mich natürlich auch gern nach Hause schieben können! Der Motorradfahrer stieg ein, startete und das Auto sprang sofort wieder an. Es strafte meinen Worten Lügen und der Motorradfahrer musste sich sicher seinen Teil denken. Frauen am Steuer usw.!
Zu Hause angekommen wühlte ich hungrig im Kühlschrank und fand nur noch eine Box mit meinem vergessenen Essen von der vergangenen Woche. Da ich aber Hunger hatte, stülpte ich alles in die Mikrowelle und aß mit einem stoischen Appetit.
Meine ältere Tochter mit ihrem Liebsten kam nach Hause. Vorher war ich ungewohnterweise allein in der Wohnung und es war aufgeräumt! Unglaublich! Irgendwas hatten sie ausgefressen und ich wollte lieber nicht wissen, was!
Meiner Tochter Liebster, ein sehr praktischer Mensch, meinte zu mir: „Soll ich dir was Unangenehmes sagen?“ und schaute mich fragend an. „Nein, sag es mir nicht, mein Limit ist voll!“, dachte ich mir und sagte gequält: „Ja?“
„Dein Fahrrad hat einen Platten! Und zwar hinten!“ Wo auch sonst? Würrrg! Natürlich an dem Hinterrad, wo es am schlechtesten zu beheben ist. Ich entschloss, mich schlafen zu legen, nicht ohne noch einmal den Vorruheständler anzurufen, der aber am Telefon gleich ganz grätig war und ich sofort wieder auflegte. Im Fernseher war auch nichts Gescheites und ich schlief irgendwann gnädigerweise ein.
Wer kann mit einem solchen Tag mithalten?

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