Dienstag, 24. April 2012
Ballett
Neulich las ich eine kleine Anzeige über Ballett für Fortgeschrittene. Nicht weit von uns sollte das sein. Also dachte ich mir, das wolltest du doch immer schon mal machen und rief dort an. Es war kinderleicht, einen Termin für die nächste Übungsstunde zu bekommen und ich sah mich schon mit anderen Gleichgesinnten, die früher auch nie Ballett erlernen durften, zu eleganten Schwänen heranwachsen. Das ist das Gute an unserer Zeit, man nimmt uns Ältere auch ernst. Wir haben eine Chance!
Bei einer Sendung von „Das Supertalent“ war ich unglaublich erstaunt, dass sogar Omis und Opis super Leistungen im Sport hinlegen konnten, die auch erst im fortgeschrittenen Alter begonnen hatten. So sollte es auch bei mir sein!
Nachdem ich nun fest entschlossen war und die erste Unterrichtsstunde näher rückte, drückte mich die Sorge um die Ballettkleidung. Was sollte ich anziehen? Toll hätte ich mich in einen Tutu gefunden, aber wollte mich nicht lächerlich machen. Das zog man schließlich nur bei Vorstellungen an. Außerdem wäre meine Figur auch dem nicht mehr so gewachsen gewesen. Ich besorgte mir Leggins und ein weites T-Shirt, alles in schwarz, damit es mich schlanker macht. Man muss ja nicht gleich schlecht auffallen! Nur die Schuhe waren ein Problem. Ich fand keine in meiner Größe oder die mir gefielen. Nach ewigen Hin- und Her-Rennen erstand ich ein Paar übers Internet und sie kamen noch rechtzeitig an. Gut, ich sah gar nicht so schlecht aus. Nur die Wülste über den Hüften waren nicht so angenehm. Ein kleines bisschen Presswurstcharakter hatte ich schon! Aber vielleicht war ja im Ballettsaal nicht so kreischendes Licht! Wenn nicht, dann sind wir Frauen schließlich unter uns, wem wollte ich da schon gefallen, nur mir selbst.
Gesagt, getan und ich stand vor dem großen Altbaugebäude. Aha! Das passte zum Ambiente und zu meinen Vorstellungen. Ich brauchte auch keine Treppen laufen, ich stand schon bald vor der Tür des Etablissements. Als ich durch die angelehnte Tür kam, zeigte mir nach ein paar Fragen meinerseits eine nette Dame, wo ich mich umkleiden könne und führte mich dorthin. Sie schien Russin zu sein, denn ihren Akzent kannte ich aus meinem DDR-Vorleben. Rusinnen waren gut, die haben ihre Kunst von der Pike auf gelernt und das gefiel mir besonders. Sie musterte mich allerdings genau und etwas merkwürdig, was mich ein klein wenig unruhig machte. In dem Raum befanden sich auch noch andere Mitstreiter, aber alle so um die vierzehn fünfzehn Jahre alt. Sicher eine andere Gruppe. Sie unterhielten sich angeregt und ich lauschte ihnen gern. Dieses Gewisper um die Figuren und Probleme des Balletts! Bald sollte ich auch dazu gehörten. Natürlich werde ich nie mehr so elegant sein können, wie diese schönen und gerade gewachsenen Mädchen, aber einen kleinen Hauch des Schönen erwische ich auch noch.
Wo waren nur die Fortgeschrittenen? Wahrscheinlich tanzte die Gruppe meines Alters schon im Ballettsaal. Hatte ich mich denn verspätet? Macht nichts, ich konnte immer noch den Neukundenbonus ausschöpfen. Also eilte ich hinaus über den Flur und switschte leise und unauffällig in den Saal. Genau in dem Moment brach die Musik ab und ich stand im Mittelpunkt von lauter schlanken, geraden und schönen Mädchen von ungefähr sechzehn Jahren!!!
Ich war hier falsch! Erst fand ich meine Sprache nicht mehr und dann kam sie mit lauter „Ähms“ und ähnlichen Gedankenrülpsern. „Ähm, ich will eigentlich zu den Fortgeschrittenen !“, meinte ich dünn.
„Ja, da sind sie hier richtig! Aber meinen Sie, dass das ihre Vorstellung ist?“ Sie ließ mich gar nicht antworten und fing gleich an, den kichernden Mädels Anweisungen zu geben. Leider war alles auf Französisch und das kann ich hier nicht wiedergeben. Die Mädchen begaben sich zu der Ballettstange an der verspiegelten Wand. Langsam und gleichmäßig beugten sie ihre Arme nach vorn, verdrehten ihre Beine wie Frösche und hoben das linke Bein leicht und elfengleich in die Waage. Alles war synchron und ich war begeistert. Was die schon konnten!
„Und nun kommen Sie zu uns und zeigen uns die ersten vier Positionen!“ Ihre Stimme war leicht erhöht und sie zeigte auf mich. Wie, was, ich? Was sollte das? Doch ich kam mit meinen chaotischen Überlegungen nicht sehr weit, denn die gute Frau kam angeschwebt und zog mich zur Stange. „Nün, seien Sie doch nischt so schüchtern! Sie aben uns noch nischts geseigt!“ Hatte sie nun einen russischen oder französischen Akzent? Ich war verwirrt. Ich hatte mich widerstandslos zur Stange ziehen lassen und sollte nun die „Positionen“ zeigen. Ich stand verdattert da. Sie machte mir die erste Position vor.
Die gingen hier aber gleich zu Sache! Ich versuchte es nachzumachen, taumelte aber sofort und versuchte krampfhaft mein Gleichgewicht zu halten. Die weiteren Postionen waren leider noch grauenvoller und ich ächzte, als ich mein Bein gerade noch auf die Stange hieven konnte. Weder mein Standbein noch das Bein auf der Stange konnte ich durchdrücken und ich quietschte, als ich es versuchte. Ein vielstimmiges Gelächter erfüllte den Raum. Wie sollte ich das je so elegant hinbekommen? Ich sah in den Spiegel und entdeckte einen etwas unförmigen schwarzen Raben mit hochrotem Gesicht….ich! Sofort nahm ich mein Bein wieder runter und rief: „Ich wollte eigentlich zu den Fortgeschrittenen, nicht zu den jungen Mädels! Wo muss ich denn da hin?“
„Wie meinen Sie das?“, fragte die Ballettlehrerin erstaunt. „Das sind die Fortgeschrittenen! Das sagte ich Ihnen schon!“ Ein wenig nachdrücklicher als geplant erwiderte ich: „Ich meinte die Frauen in meinem Alter, also im fortgeschrittenen Alter. Diese Fortgeschrittenen!“ In dem Moment als ich es aussprach, war mir plötzlich mein Fehler bewusst. Ein weiteres Gelächter verfolgte mich bis ich das Haus verließ. „Dumme Gänse!“
Man hat mich dort nie wieder gesehen, aber ich werde sicher ein spaßiges Opfer zum Erzählen der Lehrerin bleiben. Hoffentlich erkennt mich keine der Mädchen irgendwo auf der Straße! Jetzt übe ich zu Hause und bin schon echt ganz gut. Doch es wird geheim bleiben!

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