Freitag, 27. April 2012
Eigenbild und Fremdbild
Eigenbild und Fremdbild, würde der Vorruheständler sagen!!
Berlin, Schönhauser Allee, Freitagabend und ich mit dem Fahrrad auf dem Weg nach Hause. "Rossmann" hat noch auf! Guter Gott, es gibt dich doch! Ich vergesse immer das Wichtigste und dann ist zu, hier nun nicht. Schnell habe ich das Gesuchte gefunden und möchte auch genauso schnell wieder weiter, doch kein Kassierer in Sicht. Klauen geht nicht, ich bin zu anständig. Also warte ich ungeduldig und nach kurzer Zeit höre ich hinter mir eine durchdringende flötende Stimme: "Also, wo sind hier nun die Tampons und die Kondome? Ich habe keine Lust sämtliche Regale zu durchforsten, das muss ich mir nicht geben!"
Augenblicklich drehe ich mich erstens amüsiert und zweitens sehr neugierig um und schaue auf eine Mittvierzigerin, schlank und ganz und gar in kreischend grellbunte Filzklamotten der unmöglichsten Art gekleidet. Nicht nur die Farben, sondern auch die Formen waren zum Schreien komisch, jedenfalls für meine spießbürgerlichen Vorstellungen. Aber zur Abrundung des Theaterlooks ragte aus dem Kragen ihrer futuristischen Jacke ein langer Hals mit einem genauso grell geschminkten Kopf, der umhüllt war von meterlangen braunen Rastalocken, die wirr durcheinander hingen.
Sie stolzierte nach ihrem kurzen und sehr lauten Auftreten theaterwürdig hinaus auf die belebte Straße. Der Verkäufer und ich lachten ihr hinterher. Ich meinte: "Wie kann man nur so herumlaufen, das ist ja unglaublich! Aber wenigstens wird es ihnen bei einem solchen Publikum nicht langweilig. Ein Farbfleck für den Alltag, gell?", und lachte ihn amüsiert an. "Ich würde mich nicht trauen, so skurril herum zu laufen!"
Er nickte merkwürdig verhalten und meinte dann dasselbe.
Ich bezahlte und auf dem Weg nach Draußen erhaschte ich noch einen prüfenden Blick in den Spiegel des Geschäfts. Oh mein Gott!!! Arrrrg!
Es sprang mir mein eigenes Abbild entgegen, auf das ich nicht gefasst war. Meine Frisur hatte sich durch den Gegenwind fast aufgelöst und hing wie verwirrte Spaghetti um meinen Kopf herum, mein Gesicht war immer noch krebsrot und vom Herrichten am Morgen war nichts, aber auch gar nichts mehr übrig. Ich sah aus wie eine grauenvolle Vogelscheuche, mit einer hässlichen Altfrauensteppjacke, die noch dazu ein großes Loch zierte, vom schwarzen Tier und seinen Zähnen, und war unten sogar noch schlammig, auch vom schwarzen Tier und seinem Fell. An das Malheur hatte ich heute Morgen gar nicht mehr gedacht, weil ich schnell weg musste und mir irgendwas Anziehbares griff. Es war zu kalt für schöne Sachen.
Ich sollte lieber wieder Auto fahren, da habe ich einen Spiegel!
Der Verkäufer hatte heute zwei Farbflecke zu verkraften und ich schämte mich für mein Amusement im Geschäft.
Jaja, Eigenbild und Fremdbild!

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