Mittwoch, 2. Mai 2012
Umleitung
Ich bin eine gute Autofahrerin, behaupte ich mal! Und nach mehr als zwanzig Jahren habe ich auch ein Raumgefühl bekommen und verfahre mich nur noch selten. Früher war das anders, da saßen meine noch sehr kleinen Kinder stocksteif hinter und neben mir und durften kaum reden, weil ich mich so konzentrieren musste, damit ich keinen Unfall baue. Ich hatte Angst vor allem! Sie haben das Autofahren gehasst. Als die Grenze geöffnet wurde, gab es kaum Wegweiser für den Osten und weil ich in West-Berlin lebte, musste ich da oft durch. Die Karten stimmten nie und ich brauchte sowieso eine Weile, um sie zu entziffern. Das hatte ich zwar gelernt, doch je nach Alter des Kartenmaterials im Vergleich zu den Straßenschildern befand ich mich zuweilen in ausweglosen Situationen, bis zwei Meter vor Abgründen von Steinbrüchen, wo eigentlich eine Straße sein müsste. Da erst wurde mir bewusst, was Dunkelheit eigentlich bedeutete. In der Stadt ein ewig roter Schirm, der nichts wirklich dunkel werden ließ. Aber in der Finsternis der Nacht im Ostland, ohne Laternen, da war alles pechschwarz! Man sah gar nichts mehr! Nur meinem spät einsetzenden Instinkt ist es zu verdanken, dass ich heute noch diese Zeilen schreiben kann.
In der Zwischenzeit hatten meine Kinder lernen müssen, wie man Karten liest. Meist saßen sie mit Angstschweiß neben mir und sagten mir mehr oder weniger richtig an, wie ich zu fahren habe. Meist zu spät! Keiner hat sich darum gerissen, neben mir zu sitzen, denn ich konnte sehr ungnädig sein. Das tut mir heute leid, hilft aber nicht mehr! Aber ich hatte einfach Angst, immer zu spät zu kommen, weil ich mich ständig verfuhr und was ich aber dann doch kam. Es war ein ewiges Gegurke um die verpassten Abfahrten und Straßenkreuzungen, wenn ich in fremdes Land fuhr. Das konnte schon hinter meiner Wohnung beginnen! Hatte ich aber eine Strecke auf meiner geistigen Festplatte abgelegt, war ich eine begnadete Fahrerin, die sich schon einmal aufregen konnte, wenn andere langsam suchend vor mir herfuhren. Da hatte ich kein Verständnis!
Doch dann bekam ich ein Auto, was die wunderbarste Erfindung mit sich brachte, ein Navigationsgerät! Die beste Errungenschaft meiner Autozeit! Ich musste nun nicht mehr Kartenlesen, das Ding machte das für mich und auch keine Stehenbleiben, um Passanten zu fragen, wie ich wo hinkomme. An der nächsten Kreuzung blieb ich sowieso wieder stehen, um erneut zu fragen. Ich konnte mir nichts merken, egal wie ich mich anstrengte. Da konnten die Fahrten schon mal die dreifache Zeit bedeuten! Doch mit dem Navi fühlte ich mich so frei und sicher, und wenn es mich fehlleitete, konnte ich ihm die Schuld geben! Kein Ziel war mir mehr zu kompliziert. Wenn man mir am Telefon einen Weg erklären wollte, winkte ich einfach ab und erklärte breit, wie eine Neureiche: „Kein Problem, ich habe ja ein Navi!“ MEin Grinsen sah man dabei nicht! Tja, Hochmut kommt vor dem Fall! Jaja! Alles blieb wunderbar, bis, ja bis man mir eben dieses Auto klaute. Und mit dem Auto mein geliebtes Navi! Mein Schock und Verzweiflung über diesen Verlust waren riesig! Fassungslos musste ich mich ergeben! Frei nach dem Spruch: "Wen der Herr liebt, den prüft er!" Er muss mich scheinbar sehr lieben! Immer und überall! Aber ich bin trotzdem sauer! Das bedeutete nichts anderes als: Back to the Rooths! Navifrei!
Ich fahre nun mit meinem „neuen“ Auto ohne Navi weiterhin sehr häufig ins Outback von Mack/Pomm und die Strecke kenne ich gottseidank wie meine Westentasche. Am vergangenen Wochenende war ich wieder dort und kannte am Zielort alle verwunschenen Abfahrten der Autobahn. Mein gestohlenes Navi hatte sie mir noch gezeigt. Es war schon spät geworden und ich freute mich, endlich anzukommen. Müde, krank und ein wenig schlecht gelaunt fuhr ich von der Autobahn ab, folgte dem bekannten Straßen und Umleitungen und wähnte mich fast am Ziel. Doch auf einmal wurden meine Augen so groß wie Mühlenräder und ich musste versuchen, die riesige Kröte, die plötzlich in meinem Hals saß, zu schlucken!
Ich war wieder auf der Autobahn Richtung Berlin!
Wie, waaaaaas??? Wieso???? Neiiiiiiiin!!!!!! Ähm, das kann doch nicht wahr sein???!!!! Meine Gedanken überschlugen sich und suchten verzweifelte Lösungen! Doch nichts, gar nichts fiel mir ein. Meter führ Meter fuhr ich in die falsche Richtung und konnte nichts dagegen machen. Vielleicht auf der Autobahn drehen?? Nein, ausgeschlossen, die Leitplanken! Die Wuttränen standen mir schon in den Augen! Wo ist die nächste verdammte Ausfahrt? In zwanzig Kilometern erst….. Zwanzig Kilometer!!!!
Ich umklammerte das Lenkrad und biss fast hinein. Sämtliche Attribute, die ich hier nicht wiedergeben will, grölte ich in mein verständnisloses Auto. Doch niemand konnte mir helfen! Vierzig Kilometer fahren, nur um da wieder anzukommen, wo ich gerade eben war. Ich konnte es nicht fassen und meine Ohnmacht wich einer grenzenlosen Wut, die ich in der langen Zeit bis zum Ziel irgendwie wieder in den Griff kriegen musste.
Ich hab es nicht ganz geschafft und der Vorruheständler hat es aushalten müssen. Erst zwei Tage später konnte ich es ihm erzählen. Bis dahin musste ich mir erst wieder ein dickes Fell zu legen, um sein gemeines und dröhnendes Lachen zu ertragen.

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