Montag, 27. Mai 2013
Schizophrinie
Kennt ihr das?
Das geht jetzt an die Adresse meiner Altersgruppe, aber die Jüngeren unter den Lesern dürfen sich das gern merken, wenn ihr Gedächtnis über dreißig Jahre andauert.
Im Spiegel sehe ich eine 50jährige, aber ich sehe sie nur erstaunt an. Ich bin 16 und ich ziehe vor dem klaren, verspiegeltem Glas Grimassen und denke daran, was ich jetzt gerade Abenteuerliches anstellen könnte. Die Fünfzigjährige mahnt mich, ihre Liste abzuarbeiten, welche ellenlang ist und sehr anstrengend, aber wer gewinnt die Oberhand?
Auf dem Herd stehen zwei Pfannen mit kleingeschnittenem Fleisch, welches vor sich hin brutzelt. Die Ältere von uns Beiden sieht sofort die überschrittene Zeit und schwarze Goulashwürfel, aber die Jüngere meint arglos, dass es noch ein kleines Bisschen warten kann. Leider zu lange gewartet, die Zwiebeln in der Pfanne sind schwarz!
„Ich schwöre, ich war nur einen Moment fort!“, zwitschert die 16Jährige überzeugt mit großen Augen ganz und gekonnt unschuldig, Doch die 50jährige ist gnadenlos,
„Du dumme Kuh, was habe ich dir gesagt? Du musst bei der Pfanne bleiben! Bei dir ist Hopfen und Malz verloren !“
Das Kücken wird sauer und verteidigt sich hoffnungslos, „Nur ein ganz kleines Bisschen!“
Es nützt nichts, die Ältere lässt kein Argument bestehen und es besteht ein gleichrangiger Kampf mit demselben Ergebnis.
Schnell noch die rettungswürdigen Reste in den Topf geschmissen und ordentlich Gewürze hinzu. Noch ein wenig von dem und dem und langsam rundet sich der Geschmack zu einer Suppe, die man doch noch durchaus essen kann. Die Fünfzigjährige ist unerbittlich und sauer.
„Du hast es versaut!!!“ , schnarrt sie wütend und dreht sich entsetzt um.
„Du hast überhaupt keine Ahnung, denn es schmeckt ja wunderbar!“, verteidigt sich das Kücken gegen die überzeugenden Vorwürfe.“ Wetten, dass niemand etwas merkt?“, triumphiert sie auf und lacht.
„Du improvisierst nur und es wird irgendwann schief gehen, glaub mir das!“, kontert die Erfahrenere und sieht dabei ziemlich streng aus.
„Du kannst mich mal!“, entgegnet das unerfahrene junge Mädchen und lacht sich eins.
Die Gäste kommen und setzen sich würdevoll auf die schnell hingeworfene Tafel, aber das haben sie ja nicht bemerkt. Erwartendes Lächeln und die Servietten gezückt, wird der vielfach angekündigte Eintopf der besonderen Art aufgetafelt.
Langsam , ohne zu spritzen oder zu kleckern füllen sich die bereitgestellten Suppenschüsseln, das Baguette ist zum Glück nicht verbrannt. Beide, die Fünfzigjährige und das Kücken setzen sich erwartungsvoll, ziemlich gespannt, eine Spur zu ängstlich und beginnen zu löffeln. Der Duft des Eintopfes lässt die Erwartenden ordentlich die Löffel kreisen.
Es ist definitiv zu bitter, ich sag es ja, es ist verbrannt! Entschuldigend wandert ihr Blick zu den Essenden und erwartet die ersten Kritiken. Doch die Löffel klappern in einem gleichmäßigen Rhythmus ohne Kommentar. Die Jüngere löffelt auch hemmungslos, schwatzt gleichzeitig unbedarft und lässt es sich dabei deutlich schmecken.
„Unverschämt!“, bemerkt die Ältere in sich verbissen und kann es kaum fassen.
Ein tafelrundes Lachen ertönt auf ihre dahingeschmissenen Scherze und alles scheint gut.
„Das hat aber gut geschmeckt!“, erklingt es vielfach nach dem Essen und der Topf ist fast leer. War das nun Höflichkeit oder echt gemeint?
Doch die Gäste lehnen sich zufrieden zurück und ein neues Thema wird i
n der Runde eröffnet.
Die beiden Köchinnen schauen sich irgendwie gegenseitig an. Auf wen sollen sie denn nun hören?
Wer ist wer?

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