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Dienstag, 24. April 2012
Ballett
ustrarisa, 23:17h
Neulich las ich eine kleine Anzeige über Ballett für Fortgeschrittene. Nicht weit von uns sollte das sein. Also dachte ich mir, das wolltest du doch immer schon mal machen und rief dort an. Es war kinderleicht, einen Termin für die nächste Übungsstunde zu bekommen und ich sah mich schon mit anderen Gleichgesinnten, die früher auch nie Ballett erlernen durften, zu eleganten Schwänen heranwachsen. Das ist das Gute an unserer Zeit, man nimmt uns Ältere auch ernst. Wir haben eine Chance!
Bei einer Sendung von „Das Supertalent“ war ich unglaublich erstaunt, dass sogar Omis und Opis super Leistungen im Sport hinlegen konnten, die auch erst im fortgeschrittenen Alter begonnen hatten. So sollte es auch bei mir sein!
Nachdem ich nun fest entschlossen war und die erste Unterrichtsstunde näher rückte, drückte mich die Sorge um die Ballettkleidung. Was sollte ich anziehen? Toll hätte ich mich in einen Tutu gefunden, aber wollte mich nicht lächerlich machen. Das zog man schließlich nur bei Vorstellungen an. Außerdem wäre meine Figur auch dem nicht mehr so gewachsen gewesen. Ich besorgte mir Leggins und ein weites T-Shirt, alles in schwarz, damit es mich schlanker macht. Man muss ja nicht gleich schlecht auffallen! Nur die Schuhe waren ein Problem. Ich fand keine in meiner Größe oder die mir gefielen. Nach ewigen Hin- und Her-Rennen erstand ich ein Paar übers Internet und sie kamen noch rechtzeitig an. Gut, ich sah gar nicht so schlecht aus. Nur die Wülste über den Hüften waren nicht so angenehm. Ein kleines bisschen Presswurstcharakter hatte ich schon! Aber vielleicht war ja im Ballettsaal nicht so kreischendes Licht! Wenn nicht, dann sind wir Frauen schließlich unter uns, wem wollte ich da schon gefallen, nur mir selbst.
Gesagt, getan und ich stand vor dem großen Altbaugebäude. Aha! Das passte zum Ambiente und zu meinen Vorstellungen. Ich brauchte auch keine Treppen laufen, ich stand schon bald vor der Tür des Etablissements. Als ich durch die angelehnte Tür kam, zeigte mir nach ein paar Fragen meinerseits eine nette Dame, wo ich mich umkleiden könne und führte mich dorthin. Sie schien Russin zu sein, denn ihren Akzent kannte ich aus meinem DDR-Vorleben. Rusinnen waren gut, die haben ihre Kunst von der Pike auf gelernt und das gefiel mir besonders. Sie musterte mich allerdings genau und etwas merkwürdig, was mich ein klein wenig unruhig machte. In dem Raum befanden sich auch noch andere Mitstreiter, aber alle so um die vierzehn fünfzehn Jahre alt. Sicher eine andere Gruppe. Sie unterhielten sich angeregt und ich lauschte ihnen gern. Dieses Gewisper um die Figuren und Probleme des Balletts! Bald sollte ich auch dazu gehörten. Natürlich werde ich nie mehr so elegant sein können, wie diese schönen und gerade gewachsenen Mädchen, aber einen kleinen Hauch des Schönen erwische ich auch noch.
Wo waren nur die Fortgeschrittenen? Wahrscheinlich tanzte die Gruppe meines Alters schon im Ballettsaal. Hatte ich mich denn verspätet? Macht nichts, ich konnte immer noch den Neukundenbonus ausschöpfen. Also eilte ich hinaus über den Flur und switschte leise und unauffällig in den Saal. Genau in dem Moment brach die Musik ab und ich stand im Mittelpunkt von lauter schlanken, geraden und schönen Mädchen von ungefähr sechzehn Jahren!!!
Ich war hier falsch! Erst fand ich meine Sprache nicht mehr und dann kam sie mit lauter „Ähms“ und ähnlichen Gedankenrülpsern. „Ähm, ich will eigentlich zu den Fortgeschrittenen !“, meinte ich dünn.
„Ja, da sind sie hier richtig! Aber meinen Sie, dass das ihre Vorstellung ist?“ Sie ließ mich gar nicht antworten und fing gleich an, den kichernden Mädels Anweisungen zu geben. Leider war alles auf Französisch und das kann ich hier nicht wiedergeben. Die Mädchen begaben sich zu der Ballettstange an der verspiegelten Wand. Langsam und gleichmäßig beugten sie ihre Arme nach vorn, verdrehten ihre Beine wie Frösche und hoben das linke Bein leicht und elfengleich in die Waage. Alles war synchron und ich war begeistert. Was die schon konnten!
„Und nun kommen Sie zu uns und zeigen uns die ersten vier Positionen!“ Ihre Stimme war leicht erhöht und sie zeigte auf mich. Wie, was, ich? Was sollte das? Doch ich kam mit meinen chaotischen Überlegungen nicht sehr weit, denn die gute Frau kam angeschwebt und zog mich zur Stange. „Nün, seien Sie doch nischt so schüchtern! Sie aben uns noch nischts geseigt!“ Hatte sie nun einen russischen oder französischen Akzent? Ich war verwirrt. Ich hatte mich widerstandslos zur Stange ziehen lassen und sollte nun die „Positionen“ zeigen. Ich stand verdattert da. Sie machte mir die erste Position vor.
Die gingen hier aber gleich zu Sache! Ich versuchte es nachzumachen, taumelte aber sofort und versuchte krampfhaft mein Gleichgewicht zu halten. Die weiteren Postionen waren leider noch grauenvoller und ich ächzte, als ich mein Bein gerade noch auf die Stange hieven konnte. Weder mein Standbein noch das Bein auf der Stange konnte ich durchdrücken und ich quietschte, als ich es versuchte. Ein vielstimmiges Gelächter erfüllte den Raum. Wie sollte ich das je so elegant hinbekommen? Ich sah in den Spiegel und entdeckte einen etwas unförmigen schwarzen Raben mit hochrotem Gesicht….ich! Sofort nahm ich mein Bein wieder runter und rief: „Ich wollte eigentlich zu den Fortgeschrittenen, nicht zu den jungen Mädels! Wo muss ich denn da hin?“
„Wie meinen Sie das?“, fragte die Ballettlehrerin erstaunt. „Das sind die Fortgeschrittenen! Das sagte ich Ihnen schon!“ Ein wenig nachdrücklicher als geplant erwiderte ich: „Ich meinte die Frauen in meinem Alter, also im fortgeschrittenen Alter. Diese Fortgeschrittenen!“ In dem Moment als ich es aussprach, war mir plötzlich mein Fehler bewusst. Ein weiteres Gelächter verfolgte mich bis ich das Haus verließ. „Dumme Gänse!“
Man hat mich dort nie wieder gesehen, aber ich werde sicher ein spaßiges Opfer zum Erzählen der Lehrerin bleiben. Hoffentlich erkennt mich keine der Mädchen irgendwo auf der Straße! Jetzt übe ich zu Hause und bin schon echt ganz gut. Doch es wird geheim bleiben!
Bei einer Sendung von „Das Supertalent“ war ich unglaublich erstaunt, dass sogar Omis und Opis super Leistungen im Sport hinlegen konnten, die auch erst im fortgeschrittenen Alter begonnen hatten. So sollte es auch bei mir sein!
Nachdem ich nun fest entschlossen war und die erste Unterrichtsstunde näher rückte, drückte mich die Sorge um die Ballettkleidung. Was sollte ich anziehen? Toll hätte ich mich in einen Tutu gefunden, aber wollte mich nicht lächerlich machen. Das zog man schließlich nur bei Vorstellungen an. Außerdem wäre meine Figur auch dem nicht mehr so gewachsen gewesen. Ich besorgte mir Leggins und ein weites T-Shirt, alles in schwarz, damit es mich schlanker macht. Man muss ja nicht gleich schlecht auffallen! Nur die Schuhe waren ein Problem. Ich fand keine in meiner Größe oder die mir gefielen. Nach ewigen Hin- und Her-Rennen erstand ich ein Paar übers Internet und sie kamen noch rechtzeitig an. Gut, ich sah gar nicht so schlecht aus. Nur die Wülste über den Hüften waren nicht so angenehm. Ein kleines bisschen Presswurstcharakter hatte ich schon! Aber vielleicht war ja im Ballettsaal nicht so kreischendes Licht! Wenn nicht, dann sind wir Frauen schließlich unter uns, wem wollte ich da schon gefallen, nur mir selbst.
Gesagt, getan und ich stand vor dem großen Altbaugebäude. Aha! Das passte zum Ambiente und zu meinen Vorstellungen. Ich brauchte auch keine Treppen laufen, ich stand schon bald vor der Tür des Etablissements. Als ich durch die angelehnte Tür kam, zeigte mir nach ein paar Fragen meinerseits eine nette Dame, wo ich mich umkleiden könne und führte mich dorthin. Sie schien Russin zu sein, denn ihren Akzent kannte ich aus meinem DDR-Vorleben. Rusinnen waren gut, die haben ihre Kunst von der Pike auf gelernt und das gefiel mir besonders. Sie musterte mich allerdings genau und etwas merkwürdig, was mich ein klein wenig unruhig machte. In dem Raum befanden sich auch noch andere Mitstreiter, aber alle so um die vierzehn fünfzehn Jahre alt. Sicher eine andere Gruppe. Sie unterhielten sich angeregt und ich lauschte ihnen gern. Dieses Gewisper um die Figuren und Probleme des Balletts! Bald sollte ich auch dazu gehörten. Natürlich werde ich nie mehr so elegant sein können, wie diese schönen und gerade gewachsenen Mädchen, aber einen kleinen Hauch des Schönen erwische ich auch noch.
Wo waren nur die Fortgeschrittenen? Wahrscheinlich tanzte die Gruppe meines Alters schon im Ballettsaal. Hatte ich mich denn verspätet? Macht nichts, ich konnte immer noch den Neukundenbonus ausschöpfen. Also eilte ich hinaus über den Flur und switschte leise und unauffällig in den Saal. Genau in dem Moment brach die Musik ab und ich stand im Mittelpunkt von lauter schlanken, geraden und schönen Mädchen von ungefähr sechzehn Jahren!!!
Ich war hier falsch! Erst fand ich meine Sprache nicht mehr und dann kam sie mit lauter „Ähms“ und ähnlichen Gedankenrülpsern. „Ähm, ich will eigentlich zu den Fortgeschrittenen !“, meinte ich dünn.
„Ja, da sind sie hier richtig! Aber meinen Sie, dass das ihre Vorstellung ist?“ Sie ließ mich gar nicht antworten und fing gleich an, den kichernden Mädels Anweisungen zu geben. Leider war alles auf Französisch und das kann ich hier nicht wiedergeben. Die Mädchen begaben sich zu der Ballettstange an der verspiegelten Wand. Langsam und gleichmäßig beugten sie ihre Arme nach vorn, verdrehten ihre Beine wie Frösche und hoben das linke Bein leicht und elfengleich in die Waage. Alles war synchron und ich war begeistert. Was die schon konnten!
„Und nun kommen Sie zu uns und zeigen uns die ersten vier Positionen!“ Ihre Stimme war leicht erhöht und sie zeigte auf mich. Wie, was, ich? Was sollte das? Doch ich kam mit meinen chaotischen Überlegungen nicht sehr weit, denn die gute Frau kam angeschwebt und zog mich zur Stange. „Nün, seien Sie doch nischt so schüchtern! Sie aben uns noch nischts geseigt!“ Hatte sie nun einen russischen oder französischen Akzent? Ich war verwirrt. Ich hatte mich widerstandslos zur Stange ziehen lassen und sollte nun die „Positionen“ zeigen. Ich stand verdattert da. Sie machte mir die erste Position vor.
Die gingen hier aber gleich zu Sache! Ich versuchte es nachzumachen, taumelte aber sofort und versuchte krampfhaft mein Gleichgewicht zu halten. Die weiteren Postionen waren leider noch grauenvoller und ich ächzte, als ich mein Bein gerade noch auf die Stange hieven konnte. Weder mein Standbein noch das Bein auf der Stange konnte ich durchdrücken und ich quietschte, als ich es versuchte. Ein vielstimmiges Gelächter erfüllte den Raum. Wie sollte ich das je so elegant hinbekommen? Ich sah in den Spiegel und entdeckte einen etwas unförmigen schwarzen Raben mit hochrotem Gesicht….ich! Sofort nahm ich mein Bein wieder runter und rief: „Ich wollte eigentlich zu den Fortgeschrittenen, nicht zu den jungen Mädels! Wo muss ich denn da hin?“
„Wie meinen Sie das?“, fragte die Ballettlehrerin erstaunt. „Das sind die Fortgeschrittenen! Das sagte ich Ihnen schon!“ Ein wenig nachdrücklicher als geplant erwiderte ich: „Ich meinte die Frauen in meinem Alter, also im fortgeschrittenen Alter. Diese Fortgeschrittenen!“ In dem Moment als ich es aussprach, war mir plötzlich mein Fehler bewusst. Ein weiteres Gelächter verfolgte mich bis ich das Haus verließ. „Dumme Gänse!“
Man hat mich dort nie wieder gesehen, aber ich werde sicher ein spaßiges Opfer zum Erzählen der Lehrerin bleiben. Hoffentlich erkennt mich keine der Mädchen irgendwo auf der Straße! Jetzt übe ich zu Hause und bin schon echt ganz gut. Doch es wird geheim bleiben!
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Resumé eines verlorenen Tages
ustrarisa, 17:11h
Es gibt Tage, die gehören in keinen Lebenslauf, sind aber trotzdem hartnäckig präsent und scheinen auch gar nicht aufzuhören. So auch gestern!
Als ich müde und zerschlagen meine Quarkbeine aus dem Bett krätschte, hätte ich es lieber bleiben und den Tag überschlafe sollen. Meine elenden Halsschmerzen hatten sich zu einer fetten Bronchitis selbst befördert und die konn...te natürlich nicht ohne Gliederschmerzen auskommen. Als könnte ich die gebrauchen! Kein Ibuprofen in Sicht und der Vorruheständler würde wieder sagen: „Den Schmerz hält man eben ohne aus, ihr seid alle zu verweichlicht!“
Erstens weiß er nicht, wie sich das gerade anfühlt und muss auch nicht das Auto beladen, stundenlang fahren und dann arbeiten. Ich sage ihm das demnächst, wenn ich bei Gelegenheit seine steifen Finger umbiege!
Als ich nach einem weniger herzlichen Abschied im Auto gen Süden, sprich Berlin, presche, blendet mich die Sonne so sehr – die laut Wettervorhersage gar nicht da ist -, dass ich nach meiner Sonnenbrille in meinem Zigeunerrucksack suche. Dort ist mein halber Hausstand drin, ist bitternötig!, aber die Brille, die ich ganz sicher eingepackt hatte, nicht. Ich traute mich auch nicht länger zu suchen, denn der weiße Golf lenkte jede meiner Suchbewegungen mit. Mein schwerfälliger Renault wäre da wohl stabiler gewesen!! Also musste es so gehen. Einen Augenblick später klingelte das Handy und es war die krächzende Stimme des Vorruheständlers. Das konnte nur bedeuten, dass ich etwas Wichtiges vergessen hatte. Na toll! „Die Leine des schwarzen Tiers ist im Auto und…….!“ Ich krähte wütend zurück und legte sofort auf, denn ich bin schon einmal beim Telefonieren ohne Freisprechanlage erwischt worden. Bloß nicht noch einmal!
Das hieß: zurückfahren! Die nächste Ausfahrt war Malchow und ich verlor dadurch Zeit und die Strecke war dadurch vierzig Kilometer länger. In dem klitzekleinen und mir unbekannten Örtchen wollte ich mir gleich noch Ibuprofen kaufen, damit der Tag zu überstehen ist, denn nach Hause hätte ich es nun nicht mehr geschafft. Ich musste direkt zur Arbeit und in meinem Zustand, nein danke! Mitte auf der engen Straße ging plötzlich das Auto aus und ließ sich für eine Weile nicht mehr starten. Schreck! Wie sollte ich von hier weiter kommen? Nicht mal der Vorruheständler konnte mich noch retten, denn das war sein Auto! Mein Sohn war zu weit weg und ich würde nicht mehr pünktlich kommen. Ich spielte in Gedanken alles durch und als die Verzweiflung beinahe ihren Höhepunkt erreicht hatte, sprang es wieder an, als wäre nichts geschehen! Merkwürdig! Lieber nicht zu lange darüber nachdenken! Hauptsache, es passiert nicht noch einmal!
Schnell noch die Ibu genommen und dann aber zurück zur Provinz! Die Leine hing ich an die Tür, leider war die nicht auf, denn der Vorruheständler fürchtet sich ohne mich, und ich musste in den Garten, weil ich nötig musste. Keiner hat es gesehen!
110 km vor Berlin meldete der Bordcomputer, dass der Tank nur noch für 30 km reicht. Meine Haare standen zu Berge, denn der Vorruheständler hatte gesagt, dass er noch bis Berlin reichen würde. Ich hatte mein Portemonnaie in Berlin liegen gelassen, nur glücklicherweise meinen Ausweis dabei. Konnte ich aus dreißig km hundertundzehn herauspressen? Während ich das dachte, klackte die Anzeige schon auf 25 km. Oh mein Gott! Wo ist die nächste Tankstelle? Ich suchte im Bordcomputer nach der nächst erreichbaren und fand sie auch, fuhr ab und stand direkt davor, aber mit der Angst, was ich dem Tankwart sagen solle. Es war zu peinlich! Ich sonderte im Geschäft, ob ich viele neugierige Zuhörer zu beschäftigen hätte, aber ich war allein. Mein Herz klopfte bis zum Hals und ich wäre gern in einem Loch verschwunden, so abgeranzt fühlte ich mich. Der musste doch denken, dass ich so eine Benzinschnorrerin bin! Ein prüfender Blick an mir herunter sagte aber das Gegenteil, entschied ich. Es war ganz einfach, nachdem ich meinen Text herunter gestottert hatte und füllte ein Formular aus. Zum Glück hatte ich ja meinen Ausweis dabei. Die Fahrt konnte weitergehen. In Berlin angekommen bekam ich kurz vor dem Ziel noch einen Anruf, den ich über Lautsprecher annahm. Sicher der Dank vom Vorruheständler. Von wegen! Meine Tochter hatte ihr nagelneues Handy in einem Großraumtaxi vergessen und meinen dahingehenden Text möchte ich hier allen ersparen! Nicht das noch!
Ich kam noch pünktlich an und trotz der Ibu ging es zunehmend schlechter. Aber das konnte ich noch aushalten und auch irgendwann ist auch ein Arbeitstag zu Ende. Auf dem Nachhauseweg schaltete sich das Auto wieder aus und ließ sich nicht starten. Und wieder in einer knallengen Straße, wo keiner an mir vorbei kommen konnte. Ein Motorradfahrer stieg hinter mir ab und ich schilderte ihm die Situation. „Lassen Sie mich einmal probieren!“ Eine Fahrradfahrerin wollte mir sogar beim Schieben helfen, aber ich winkte ab. Sie hätte mich natürlich auch gern nach Hause schieben können! Der Motorradfahrer stieg ein, startete und das Auto sprang sofort wieder an. Es strafte meinen Worten Lügen und der Motorradfahrer musste sich sicher seinen Teil denken. Frauen am Steuer usw.!
Zu Hause angekommen wühlte ich hungrig im Kühlschrank und fand nur noch eine Box mit meinem vergessenen Essen von der vergangenen Woche. Da ich aber Hunger hatte, stülpte ich alles in die Mikrowelle und aß mit einem stoischen Appetit.
Meine ältere Tochter mit ihrem Liebsten kam nach Hause. Vorher war ich ungewohnterweise allein in der Wohnung und es war aufgeräumt! Unglaublich! Irgendwas hatten sie ausgefressen und ich wollte lieber nicht wissen, was!
Meiner Tochter Liebster, ein sehr praktischer Mensch, meinte zu mir: „Soll ich dir was Unangenehmes sagen?“ und schaute mich fragend an. „Nein, sag es mir nicht, mein Limit ist voll!“, dachte ich mir und sagte gequält: „Ja?“
„Dein Fahrrad hat einen Platten! Und zwar hinten!“ Wo auch sonst? Würrrg! Natürlich an dem Hinterrad, wo es am schlechtesten zu beheben ist. Ich entschloss, mich schlafen zu legen, nicht ohne noch einmal den Vorruheständler anzurufen, der aber am Telefon gleich ganz grätig war und ich sofort wieder auflegte. Im Fernseher war auch nichts Gescheites und ich schlief irgendwann gnädigerweise ein.
Wer kann mit einem solchen Tag mithalten?
Als ich müde und zerschlagen meine Quarkbeine aus dem Bett krätschte, hätte ich es lieber bleiben und den Tag überschlafe sollen. Meine elenden Halsschmerzen hatten sich zu einer fetten Bronchitis selbst befördert und die konn...te natürlich nicht ohne Gliederschmerzen auskommen. Als könnte ich die gebrauchen! Kein Ibuprofen in Sicht und der Vorruheständler würde wieder sagen: „Den Schmerz hält man eben ohne aus, ihr seid alle zu verweichlicht!“
Erstens weiß er nicht, wie sich das gerade anfühlt und muss auch nicht das Auto beladen, stundenlang fahren und dann arbeiten. Ich sage ihm das demnächst, wenn ich bei Gelegenheit seine steifen Finger umbiege!
Als ich nach einem weniger herzlichen Abschied im Auto gen Süden, sprich Berlin, presche, blendet mich die Sonne so sehr – die laut Wettervorhersage gar nicht da ist -, dass ich nach meiner Sonnenbrille in meinem Zigeunerrucksack suche. Dort ist mein halber Hausstand drin, ist bitternötig!, aber die Brille, die ich ganz sicher eingepackt hatte, nicht. Ich traute mich auch nicht länger zu suchen, denn der weiße Golf lenkte jede meiner Suchbewegungen mit. Mein schwerfälliger Renault wäre da wohl stabiler gewesen!! Also musste es so gehen. Einen Augenblick später klingelte das Handy und es war die krächzende Stimme des Vorruheständlers. Das konnte nur bedeuten, dass ich etwas Wichtiges vergessen hatte. Na toll! „Die Leine des schwarzen Tiers ist im Auto und…….!“ Ich krähte wütend zurück und legte sofort auf, denn ich bin schon einmal beim Telefonieren ohne Freisprechanlage erwischt worden. Bloß nicht noch einmal!
Das hieß: zurückfahren! Die nächste Ausfahrt war Malchow und ich verlor dadurch Zeit und die Strecke war dadurch vierzig Kilometer länger. In dem klitzekleinen und mir unbekannten Örtchen wollte ich mir gleich noch Ibuprofen kaufen, damit der Tag zu überstehen ist, denn nach Hause hätte ich es nun nicht mehr geschafft. Ich musste direkt zur Arbeit und in meinem Zustand, nein danke! Mitte auf der engen Straße ging plötzlich das Auto aus und ließ sich für eine Weile nicht mehr starten. Schreck! Wie sollte ich von hier weiter kommen? Nicht mal der Vorruheständler konnte mich noch retten, denn das war sein Auto! Mein Sohn war zu weit weg und ich würde nicht mehr pünktlich kommen. Ich spielte in Gedanken alles durch und als die Verzweiflung beinahe ihren Höhepunkt erreicht hatte, sprang es wieder an, als wäre nichts geschehen! Merkwürdig! Lieber nicht zu lange darüber nachdenken! Hauptsache, es passiert nicht noch einmal!
Schnell noch die Ibu genommen und dann aber zurück zur Provinz! Die Leine hing ich an die Tür, leider war die nicht auf, denn der Vorruheständler fürchtet sich ohne mich, und ich musste in den Garten, weil ich nötig musste. Keiner hat es gesehen!
110 km vor Berlin meldete der Bordcomputer, dass der Tank nur noch für 30 km reicht. Meine Haare standen zu Berge, denn der Vorruheständler hatte gesagt, dass er noch bis Berlin reichen würde. Ich hatte mein Portemonnaie in Berlin liegen gelassen, nur glücklicherweise meinen Ausweis dabei. Konnte ich aus dreißig km hundertundzehn herauspressen? Während ich das dachte, klackte die Anzeige schon auf 25 km. Oh mein Gott! Wo ist die nächste Tankstelle? Ich suchte im Bordcomputer nach der nächst erreichbaren und fand sie auch, fuhr ab und stand direkt davor, aber mit der Angst, was ich dem Tankwart sagen solle. Es war zu peinlich! Ich sonderte im Geschäft, ob ich viele neugierige Zuhörer zu beschäftigen hätte, aber ich war allein. Mein Herz klopfte bis zum Hals und ich wäre gern in einem Loch verschwunden, so abgeranzt fühlte ich mich. Der musste doch denken, dass ich so eine Benzinschnorrerin bin! Ein prüfender Blick an mir herunter sagte aber das Gegenteil, entschied ich. Es war ganz einfach, nachdem ich meinen Text herunter gestottert hatte und füllte ein Formular aus. Zum Glück hatte ich ja meinen Ausweis dabei. Die Fahrt konnte weitergehen. In Berlin angekommen bekam ich kurz vor dem Ziel noch einen Anruf, den ich über Lautsprecher annahm. Sicher der Dank vom Vorruheständler. Von wegen! Meine Tochter hatte ihr nagelneues Handy in einem Großraumtaxi vergessen und meinen dahingehenden Text möchte ich hier allen ersparen! Nicht das noch!
Ich kam noch pünktlich an und trotz der Ibu ging es zunehmend schlechter. Aber das konnte ich noch aushalten und auch irgendwann ist auch ein Arbeitstag zu Ende. Auf dem Nachhauseweg schaltete sich das Auto wieder aus und ließ sich nicht starten. Und wieder in einer knallengen Straße, wo keiner an mir vorbei kommen konnte. Ein Motorradfahrer stieg hinter mir ab und ich schilderte ihm die Situation. „Lassen Sie mich einmal probieren!“ Eine Fahrradfahrerin wollte mir sogar beim Schieben helfen, aber ich winkte ab. Sie hätte mich natürlich auch gern nach Hause schieben können! Der Motorradfahrer stieg ein, startete und das Auto sprang sofort wieder an. Es strafte meinen Worten Lügen und der Motorradfahrer musste sich sicher seinen Teil denken. Frauen am Steuer usw.!
Zu Hause angekommen wühlte ich hungrig im Kühlschrank und fand nur noch eine Box mit meinem vergessenen Essen von der vergangenen Woche. Da ich aber Hunger hatte, stülpte ich alles in die Mikrowelle und aß mit einem stoischen Appetit.
Meine ältere Tochter mit ihrem Liebsten kam nach Hause. Vorher war ich ungewohnterweise allein in der Wohnung und es war aufgeräumt! Unglaublich! Irgendwas hatten sie ausgefressen und ich wollte lieber nicht wissen, was!
Meiner Tochter Liebster, ein sehr praktischer Mensch, meinte zu mir: „Soll ich dir was Unangenehmes sagen?“ und schaute mich fragend an. „Nein, sag es mir nicht, mein Limit ist voll!“, dachte ich mir und sagte gequält: „Ja?“
„Dein Fahrrad hat einen Platten! Und zwar hinten!“ Wo auch sonst? Würrrg! Natürlich an dem Hinterrad, wo es am schlechtesten zu beheben ist. Ich entschloss, mich schlafen zu legen, nicht ohne noch einmal den Vorruheständler anzurufen, der aber am Telefon gleich ganz grätig war und ich sofort wieder auflegte. Im Fernseher war auch nichts Gescheites und ich schlief irgendwann gnädigerweise ein.
Wer kann mit einem solchen Tag mithalten?
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Dienstag, 17. April 2012
Drittes Kapitel "Susi Meier"
ustrarisa, 14:45h
Drittes Kapitel
„Susi, komm essen!“ Eine alte Dame mit zerfurchtem Gesicht stand in der Fliegentür der Veranda und hielt nach dem kleinen blonden Mädchen Ausschau. Doch die ließ sich nicht blicken. Quietschend fiel die Tür wieder zu. „Dann eben nicht!“, murmelte sie ärgerlich in ihren Damenbart hinein.
Hinter dem alten, fast verfallenen Holzhaus hockte Susi im verbrannten Steppengras und hielt einen Stein in ihren kleinen Händen. Die blonden, lockigen Haare waren zerzaust und hatten sich aus dem Gummiband gelöst.
Der Stein gefiel ihr und sie nahm ihn mit zu dem Baum, auf dem sie oft stieg, um sich in ihre Welt zurückzuziehen. Das Rufen ihrer Nanny hatte sie nicht gehört. Von einem großen knorrigen Ast des Baumes hing eine Flasche an einem dünnen Seil, daneben an einem weiteren Wollfaden eine Art zerbrochener Krug. Susi stellte sich vor die beiden, im heißen Wind schaukelnden Gegenstände, nahm den länglichen, faustgroßen Stein und schlug vorsichtig an die Flasche. Diese fing augenblicklich an zu schwingen und ein gläserner Ton, hell und etwas klirrend, unterbrach das Zirpen der Grillen. Immer wieder berührte sie die Flasche in einer ähnlichen Art, manchmal stärker, manchmal schwächer. Es schien, als ob sie gezielt den Klang verändern wollte. Danach probierte sie das Gleiche vorsichtig auf den Tonkrug. Ein tiefer, etwas dumpfer Ton erklang. Das gefiel ihr überhaupt nicht. Sie überlegte ein Weilchen regungslos, beugte sich zum Boden und griff entschlossen eine Hand voll der rötlichen, staubigen Erde, füllte diese in die Flasche und schlug mit dem Stein auf den Flaschenbauch. Die Enttäuschung war noch größer. Sie stampfte wütend auf den Boden, denn nun war anstatt des Klirrens ein dumpfer Ton zu hören. Nachdem sie sich ein wenig beruhigt hatte , überlegte sie mit zur Seite geneigtem Kopf regungslos und rannte dann urplötzlich zurück in das Haus.
Dort schien Gury nur auf diesen Moment gewartet zu haben. Seit sie Susi zum ersten Mal in ihren Armen hielt, das Kind war kaum ein paar Monate alt, kümmerte sie sich als eine Art Nanny um sie. Das traf eigentlich auch nicht ihre Position. Sie war eher die Großmutter als Nanny.
Sie stand gebeugt am dem alten Herd und rührte in dem schon etwas verbeulten Blechtopf. Ihre grauen Locken waren sorgsam zurückgesteckt. Sie pfiff wie immer ein Liedchen, dessen Melodie keiner außer Susi kannte. Sie hatte es schon oft von ihr gehört und fiel gleich mit ihrem hellen Stimmchen in das Pfeifen ein. Gury drehte sich um, lachte und drohte mit dem gestreckten Zeigefinger.
„Da bist du ja! Ich habe dich schon zwei Mal gerufen! Setz dich, deine Suppe ist schon fast kalt!“ Sie tat so, als wäre sie sauer und wollte sich zu der vermeintlich am Tisch sitzenden Kleinen setzen, doch diese war schon wieder mit einer Flasche Wasser verschwunden. „Hey, Susi, wo bist du kleines Biest denn nun schon wieder!“, rief sie hinter ihr her. Man hörte ihrer Stimme jetzt doch eine kleine Verärgerung an. Das konnte der blonde Lockenkopf schon nicht mehr hören. Resigniert ließ sich Gury auf ihrem Schaukelstuhl, der sicher auch bessere Zeiten gesehen hatte, fallen. Es war nicht das erste Mal, dass sie von ihrer Kleinen versetzt wurde. Auch wenn sie im ersten Moment meist ärgerlich war, lange blieb sie es nicht. Susi war ihr kleiner Sonnenschein. Und sie war fast ihr Enkelkind, auch wenn sie nicht wirklich mit ihr verwandt war. Sie kannte Susi seit sie aus der Klinik mit ihrer Mutter entlassen wurde und die beiden wie ein Häufchen Elend eine Unterkunft suchten. Es sollte nur für eine paar Wochen sein, aber nun waren fast sechs Jahre vergangen. Gury hatte viele Kinder großgezogen, fast einen ganzen Stamm und ihre Nachkommen waren in ganz Australien verstreut. All die Jahre hatte sie ihr Bestes für ihre Kinder, Enkelkinder und sogar schon Urenkel gegeben. Die meisten von ihnenhatte es vorgezogen, in die Stadt abzuwandern. Das Leben als Aborigines und deren Traditionen war ihnen nicht mehr wichtig und eher altmodisch und unbequem geworde. Es gab kaum Arbeit von deren Ertrag man leben konnte. Dass ihre Erfahrungen noch einmal für ein Kind wichtig werden würde, hatte sie nicht geglaubt, denn sie wollte sich endlich zur wohlverdienten Ruhe setzen. Ihr Mann war lange verstorben und sie dadurch meist allein, wenn nicht ihre Enkelin ab und zu mit den Kindern aus Alice Springs zu Besuch kommen würde. Daher war Susi für sie ein Stück sinnvolles Leben geworden.
Als Maryl mit dem Kind und einer Plastiktüte bei Gury auftauchte, war sie nicht besonders begeistert. Doch Maryl schien nicht sehr an Susi interessiert zu sein, denn sie hielt die Kleine steif und wie einen Gegenstand im Arm und gab das strampelnde Baby gern und recht eilig der alten Aborigine. Das weckte das Interesse der alten Frau. Maryl verschwand in das kleine, spärlich ausgestattete Zimmer, was ihr Gury zeigte. Sie ließ sich sofort auf das alte Metallbett aus Kolonialzeiten fallen und schlief, ungeachtet von Gury und der kleinen Susi auf deren Arm, ein. Das blieb auch die nächsten Tage fast ausschließlich so und Gury kümmerte sich um das verstörte kleine Menschlein. Sie war sehr verwundert, denn bei den Weißen hatte sie ein solches Verhalten noch nicht erlebt. Etwas Schlimmes musste der Mutter passiert sein und sie stellte besser keine Fragen. Auch in den darauffolgenden Jahren übernahm sie meist die Aufgaben von Maryl, denn mit dem Tag ihrer Ankunft kümmerte sie sich kaum noch um ihr Kind.
Das Kleine und dessen Schicksal wuchs Gury ans Herz. Sie war mittlerweile manche Wochen mit Susi allein und wenn nicht ihre Enkelkinder gewesen wären, dann hätte Susi niemanden in dieser Einöde außer Gury, sich selbst und den Tieren kennengelernt.
Am Baum angekommen, schüttete Susi die Erde wieder aus der Flasche, spülte die Reste mit dem Wasser aus und goss, als die Flasche sehr sauber zu sein schien, wieder ein wenig nach. Dann schlug sie mit dem mitgebrachten Stein auf die Flasche ein. Der Ton gefiel ihr immer noch nicht und sie füllte wieder Wasser nach. Nach einigem Probieren schien ihr das Resultat endlich zu gefallen und sie schlug abwechselnd auf die Flasche und auf den zerbrochenen Krug. Es ergab eine klangvolle Terz. Ein Lachen huschte ihr über ihr verschmiertes Gesicht und sie veränderte den Rhythmus. Durch mehrmaliges Verändern des Rhythmusses erklang mit nur zwei Tönen fast eine Melodie. Es hörte sich fast wie die Trommeln der alten Leute in den Siedlungen an, die sie manchmal abends aus der Ferne hören konnte.
Susi lauschte auch heute noch gern den Melodien und sie hört gebannt zu, bis sie verstummen, um auch nicht einen Ton zu verpassen.
Gury ließ dem kleinen Mädchen ihren eigenen Herzschlag des Lebens finden, so wie es Tradition bei den Aborigines war. Und Maryl war es egal. Sie war mit sich und ihren inneren Geistern beschäftigt. Seit sie aus dem Krankenhaus entlassen wurde, war sie nicht mehr die Gleiche und sie schottete sich von ihrer Umgebung ab. Sie schaute ihre Tochter wie durchsichtiges Glas an. Sie war zwar da, aber sie zog nicht in ihr Bewusstsein. Die Zeit, in der sie im Koma lag, hatte die Bindung zu ihrem Baby nicht ermöglicht. Wenn Zoé, die junge Krankenschwester in der Klinik, nicht gewesen wäre, wer weiß! Sie hatte dafür gesorgt, dass das Kind nicht in ein Heim oder Pflegefamilie abgeschoben wurde und bei der Entlassung der Beiden ein gutes Wort bei ihrer Großmutter, Gury, eingelegt. Die war nicht gerade erbaut davon, wieder jemanden aufzunehmen, aber Zoé versprach, das es nur für eine kurze sein würde. Als Gury das kleine Bündel in den Armen hielt, war sie wieder ganz Mutter und wiegte das verlorene Kind wie ihr eigenes. Aus Wochen wurden Jahre und so blieben die Beiden in dem Alten Haus. Wenn Susi nicht so völlig anders ausgesehen hätte mit ihrer hellen Haut, den blonden Haaren und dem europäischen Gesicht, keiner wäre auf den Gedanken gekommen, dass sie nicht ihre Tochter oder Enkelin gewesen wäre. Als Zoé mitbekam, dass ihre Schützlinge keine Anstalten machten, sich einen neue Bleibe oder Existenz aufzubauen, sorgte sie dafür, dass ihre Großmutter nicht alles aus ihrer eigenen Tasche bezahlen musste, was sowieso fast nicht möglich war. Wer von den Eingeborenen nicht dem Alkohol verfallen war, lebte entweder in der Stadt oder konnte sich nach den traditionellen Methoden versorgen. Dafür brauchte man kaum Geld, aber es war auch nicht vergleichbar mit einem europäischen Leben. Tiere und Früchte des Landes befanden sich für die Aborigines in einem ewigen Kreislauf, in den sich die Eingeborenen Jahrtausende lang einfügten. Einige Wenige lehnten die mitgebrachte Zivilisation der Europäer konsequent ab. Zoés Großmutter war weder dagegen noch dafür. Sie lebte ihren eigenen Stil und übernahm die Dinge, von denen sie glaubte, sie würden gut zu ihrem Leben passen und machte keinen Unterschied, ob sie aus ihrer Tradition oder von den Europäern stammten. Sie war prakmatisch und das half ihr über ihr langes Leben hinweg. Susi kam es zugute. Ab und zu brachte auch Maryl Geld mit, wenn sie aus der weit entfernten Stadt nach Wochen zurück kam. Sie überließ es Gury und diese legte es fein säuberlich, jedes Mal, in einen kleinen Tabaksbeutel unter den Dielen in ihr Zimmer. Dort hatte sich schon eine kleine Summe angehäuft, doch sie nahm nicht einen Cent davon.
Die Tür knarzte wieder in den höchsten Tönen und Gury glaubte, dass Susi nun doch noch ihre Suppe essen wolle. Doch in der Küche er schien Maryl. Ohne weiteren Gruß klatschte sie geräuschvoll ihre Tasche auf den Tisch und wandte sich an Gury. Lange hatte sie die junge Frau nicht mehr gesehen, es mussten wohl fast drei Wochen her sein. Wortlos war sie wieder einmal gegangen und keine Nachricht hinterlassen. Susi fragte nicht einmal mehr nach ihr, zu oft war das schon vorgekommen. Sie hatte ja ihre Gury und bei der genoss viele Freiheiten.
„Susi muss eingeschult werden. Ich habe die Aufforderung von der Behörde bekommen!“
Gury antwortete nicht und eine ganze Weile blieb es still in dem Raum. Die Worte hallten in dem Gedächtnis der alten Frau eine ganze Zeit weiter nach, obwohl Maryl schon längst wieder den Raum, ohne auf Antwort zu warten, verlassen hatte.
Sie wusste und befürchtete es. Ihre Kleine sollte nun auch in den Zwang eingegliedert werden! Der schönste Teil ihrer Kindheit war somit vorbei und sie war sich nicht sicher, wie Susi darauf reagieren würde. Susi sprach mit niemanden kaum mehr als drei Worte, außer mit ihr. Ihre Mutter hielt nicht viel von dem Verstand ihres Kindes und machte sich auch keine Mühe, diesen zu ergründen und weshalb Susi so verschlossen war. Es war ihr schlichtweg egal. Doch Gury hatte Angst, dass man ihr das Kind wegnehmen und in eine der Förderschulen nach Alice Springs schicken würde. Auf Maryls Hilfe konnte sie in diesem Punkt lange warten, auch wenn es ihre Pflicht war, sie ignorierte es einfach. Das Problem musste sie somit allein lösen und solange sie für Susi sorgte, sollte diese frei sein, bevor sie erwachsen werden würde.
Gury selbst konnte kaum lesen und schreiben, aber sie wusste, wie wichtig das für das kleine Mädchen später sein würde. Es blieb ihr nichts anderes übrig, sie musste ein weiteres Mal Zoé ins Vertrauen ziehen. In allen solchen Dingen stand diese ihrer Granny helfend zur Seite und diese hatte dadurch kaum Probleme, Angelegenheiten bei den Behörden durchzusetzen oder auch andere wichtige Angelegenheiten schriftlich zu erledigen. Man nahm sie zumindest ernster als Analphabeten. Gury schämte sich oft dafür, dass sie es früher versäumt hatte, in die Schule zu gehen. Sie liebte es, mit ihrer Großmutter in der Weite der Umgebung für den Alltag der großen Familie zu sorgen. Nichts war spannender, zu erfahren, wie man am besten den wilden Bienen einen Teil ihres Honigs abluchste, nicht alles, sonst hätte man im folgenden Jahr keine „Ernte“ mehr gehabt. Es war lebenswichtig, zu wissen, wo man Wasser fand, obwohl keines da war, in der Hitze und in den vertrockneten Flussläufen. Sie lernte die Kakteen auf Genießbarkeit zu unterscheiden und wie man sich am besten vor den kleinen giftigen Spinnen schützte. Das Überleben in der Natur Australiens war nicht einfach und es bedarf sehr viel Wissen, um die wahre Schönheit des Landes zu entdecken. Dieser Kontinent vereint alle Extreme, die schönsten und giftigsten Tiere, die blühendsten und tödlichsten Gebiete, die schönsten und interessantesten Pflanzen und ihre skurrilsten Gegenspieler, die größte Freiheiten, aber auch die größten Gefahren. Wer dort überleben und frei sein wollte, war auf das Wissen der Alten angewiesen oder man blieb in den Städten, die den Großstädten der Welt gleichen.
Gury fühlte sich in den Schulen gefangen. Sie war der Assimilation der Weißen durch Tricks ihrer Familie entronnen, weil man ihre Existenz einfach nicht angegeben hatte. Und da sie weit von dem nächsten bewohnten Gebiet lebten, hatte man das nicht immer überprüfen können. Hundertausende von Kindern waren bis 1970 ihren Familien gewaltsam entrissen worden, um sie in die „weiße“ Gesellschaft assimilieren und ihrer Identität zu berauben. Bei Gury war das nicht gelungen und somit konnte sie noch aus dem reichhaltigen Wissen ihrer Vorfahren schöpfen. Es war schwer gewesen, ihren Kindern und Enkeln das Gleiche angedeihen zu lassen. Sie hatte es teilweise geschafft, doch viele ihrer Angehörigen zogen es vor, wie viele andere auch, wegzugehen und komfortabler zu leben.
Sie war nicht traurig, jeder musste sein Leben finden, aber bei Susi war das anders. Sie konnte es nicht in Worten fassen, nie hatte sie so ein Kind erlebt, so empfindsam und besonders. Sie sah eine Chance für sich selbst und Susi. Sie wollte bei ihr Beides verbinden, Tradition, auch wenn sie keine Eingeborene war, und Ausbildung, ohne die sie in der Zukunft nicht überleben würde. Ihr selbst war es all die Jahre nicht gelungen, das Verlorene nachholen, denn die Arbeit und die Pflege ihrer Kinder, Enkelkinder und schon Urenkel ließen das nicht zu. Jetzt war sie zu alt. Aber das Wissen ihrer eigenen, geliebten Granny sollte nicht verloren gehen. Susi, sie sollte das Wissen unbedingt bekommen, was ihr fehlte, dafür würde sie schon sorgen! Trotzdem hätte sie aber gern noch ein bisschen mehr Zeit mit ihrem letzten Kind, was sie aufziehen würde, gehabt, ohne diesen Zwang, weil sie wusste, dass es der Kleinen wahrscheinlich nicht gefallen würde.
Wie sollte sie ihr helfen? Ihre Mutter kümmerte sich nur um sich und Susi war es gewohnt, den Tag nach eigenem Ermessen zu verbringen. Aber nun war die Zeit herangekommen und die Einschulung rückte mit jedem Tag näher. Hoffentlich brauchte sie nicht in ein Internat, wenn man herausbekam, dass Gury keine Hilfe war. Maryl musste in ihren Plan mit einbezogen werden, ob es sie interessierte oder nicht.
Kinder dieser Gegenden konnten per Funk unterrichtet werden, weil es nur zwei Alternativen gab, entweder sie mussten ins Internat oder bekamen den Schulstoff per Funk. Es funktionierte wie in einer normalen Schulklasse, die Lehrerin hatte in ihrem Netz den Überblick der eingeloggten Schüler und konnte mit jedem persönlich sprechen und ihn abfragen. Mehrere Stunden am Tag, mit Pausen und auch Scherzen, vergingen damit. Man konnte sich nicht einfach verabschieden, ohne dass es Probleme gegeben hätte. Für die ärmeren Familien wurden die Funkgeräte gestellt. Sicher würde auch sie eins bekommen, aber Maryl musste zugegen sein und ihre Mitarbeit unter Beweis stellen. Die Hilfe der Eltern war Voraussetzung, dass es genehmigt wurde.
Maryl sah erst nach langen Diskussionen ein, dass sie Susi unterstützen müsse, ihr wäre es auch recht gewesen, ihr Kind ins Internat zu geben. Doch sie wollte auch nicht ihre Zuflucht verlieren. Das Haus gehörte Gury und sie war von deren Wohlwollen abhängig. Also spielte sie wohl oder übel mit.
Der Tag der Einschulung war nun gekommen und Susi war wieder einmal nicht da. Ganz früh am Morgen hatte Gury sie leise durchs Haus zwitschern hören und es war noch zu früh, um sie ordentlich anziehen zu wollen. Also ließ sie das Kind für ein paar Stündchen gewähren.
Gury wusste, wo sie die Ausreißerin suchen musste. Sie sah den kleinen Blondschopf jeden Tag zu dem nahegelegenen alten Baum weit hinter dem Haus verschwinden und machte sich daher um ihr Verbleiben keine Gedanken. Doch die Stunde der Ankunft der Mitarbeiter von der Schulbehörde rückte unerbittlich näher. Sie musste Susi in ein taugliches Kleidchen stecken und ihre Haare kämmen. Maryl war zu Hause geblieben und saß bei einer Tasse Tee im Wohnzimmer. Sie überließ es Gury, das Kind zu holen und diese schlurfte so schnell sie konnte aus dem Haus.
Wie sie vermutet hatte, sah sie in der Ferne die kleine Gestalt. Die Hitze war jetzt schon wieder kaum erträglich und als sie an Susis Baum ankam, blieb sie verschwitzt, außer Atem und sehr erstaunt stehen. Sie traute ihren Augen und Ohren nicht. An den verdorrten Ästen des uralten Baumes, der schon viele Menschengenerationen gesehen hatte, hingen mehr als ein paar Dutzend Gegenstände an den unterschiedlichsten Fäden und bewegten sich mehr oder weniger im Wind. Sie schienen einer besonderen Ordnung unterworfen, denn als der flirrende Wind die Gegenstände bewegte, stießen einige aneinander und und stimmten in eine Melodie ein, gläsern, klirrend und geheimnisvoll. Andere wiederum schlug Susi in einer harmonischen Reihenfolge mit einem kleinen Stein an und ihre Töne ergänzten die vom Wind erzeugten wie Solisten in einem Konzert. Es entstand ein ungewöhnliches Orchester aus einem anderen Reich, zart und doch unüberhörbar. Susi stand davor, mit dem Rücken zu Gury gewandt und spielte ihr „Instrument", als hätte sie darin Unterricht bekommen. Sie hatte sich ganz allein ein sphärisches Konzert erschaffen, als würden ihre und auch andere Geister in einer schönen Ordnung tanzen. Gury rührte sich nicht und sagte kein Wort. Sie wäre gern noch länger geblieben, denn einen solchen Klang hatte sie noch nie gehört. Es berührte ihre Seele. Die Geister ihrer Ahnen schienen anwesend zu sein und ein erhabenes Gefühl bemächtigte sich ihrer. Das war es, was das Leben ausmachte! Die Vereinigung von Schönheit und Reinheit der Sinne! Ein kleines Kind von kaum sechs Jahren hatte das bewirkt und Gury durfte es erleben. Doch sie musste ihre Kleine losreißen, damit sie nicht zu spät kommen würden.
Ihr wurde es schwer, aber es nützte alles nichts. Wenn sie die Kleine nicht verlieren wollte, musste sie rechtzeitig zurück sein.
Sie ging ein paar Schritte auf das nun regungslos lauschende kleine Mädchen zu und strich ihr sanft über die Schulter ihres Stoffkleidchens. Susi drehte sich erschrocken um. Dem Schreck folgte ein freches Grinsen.
„Horch!“, wisperte sie leise, um darauf sofort wieder zu verstummen. Gury tat wie ihr geheißen und sie erkannte einzelne Melodiefolgen in dem Gesamteindruck wieder. Susi hatte tatsächlich den Klang der Trommeln und des Landes irgendwie eingefangen. Dumpfe zarte Klänge und leise gläserne Töne gaben sich ein neues Stelldichein. Wenn man es doch einfangen könnte, dachte sie sichtlich bewegt. Sie nahm das kleine schlaffe Kinderhändchen und zog sie weg von diesem schönen Ort.
„Susi, komm essen!“ Eine alte Dame mit zerfurchtem Gesicht stand in der Fliegentür der Veranda und hielt nach dem kleinen blonden Mädchen Ausschau. Doch die ließ sich nicht blicken. Quietschend fiel die Tür wieder zu. „Dann eben nicht!“, murmelte sie ärgerlich in ihren Damenbart hinein.
Hinter dem alten, fast verfallenen Holzhaus hockte Susi im verbrannten Steppengras und hielt einen Stein in ihren kleinen Händen. Die blonden, lockigen Haare waren zerzaust und hatten sich aus dem Gummiband gelöst.
Der Stein gefiel ihr und sie nahm ihn mit zu dem Baum, auf dem sie oft stieg, um sich in ihre Welt zurückzuziehen. Das Rufen ihrer Nanny hatte sie nicht gehört. Von einem großen knorrigen Ast des Baumes hing eine Flasche an einem dünnen Seil, daneben an einem weiteren Wollfaden eine Art zerbrochener Krug. Susi stellte sich vor die beiden, im heißen Wind schaukelnden Gegenstände, nahm den länglichen, faustgroßen Stein und schlug vorsichtig an die Flasche. Diese fing augenblicklich an zu schwingen und ein gläserner Ton, hell und etwas klirrend, unterbrach das Zirpen der Grillen. Immer wieder berührte sie die Flasche in einer ähnlichen Art, manchmal stärker, manchmal schwächer. Es schien, als ob sie gezielt den Klang verändern wollte. Danach probierte sie das Gleiche vorsichtig auf den Tonkrug. Ein tiefer, etwas dumpfer Ton erklang. Das gefiel ihr überhaupt nicht. Sie überlegte ein Weilchen regungslos, beugte sich zum Boden und griff entschlossen eine Hand voll der rötlichen, staubigen Erde, füllte diese in die Flasche und schlug mit dem Stein auf den Flaschenbauch. Die Enttäuschung war noch größer. Sie stampfte wütend auf den Boden, denn nun war anstatt des Klirrens ein dumpfer Ton zu hören. Nachdem sie sich ein wenig beruhigt hatte , überlegte sie mit zur Seite geneigtem Kopf regungslos und rannte dann urplötzlich zurück in das Haus.
Dort schien Gury nur auf diesen Moment gewartet zu haben. Seit sie Susi zum ersten Mal in ihren Armen hielt, das Kind war kaum ein paar Monate alt, kümmerte sie sich als eine Art Nanny um sie. Das traf eigentlich auch nicht ihre Position. Sie war eher die Großmutter als Nanny.
Sie stand gebeugt am dem alten Herd und rührte in dem schon etwas verbeulten Blechtopf. Ihre grauen Locken waren sorgsam zurückgesteckt. Sie pfiff wie immer ein Liedchen, dessen Melodie keiner außer Susi kannte. Sie hatte es schon oft von ihr gehört und fiel gleich mit ihrem hellen Stimmchen in das Pfeifen ein. Gury drehte sich um, lachte und drohte mit dem gestreckten Zeigefinger.
„Da bist du ja! Ich habe dich schon zwei Mal gerufen! Setz dich, deine Suppe ist schon fast kalt!“ Sie tat so, als wäre sie sauer und wollte sich zu der vermeintlich am Tisch sitzenden Kleinen setzen, doch diese war schon wieder mit einer Flasche Wasser verschwunden. „Hey, Susi, wo bist du kleines Biest denn nun schon wieder!“, rief sie hinter ihr her. Man hörte ihrer Stimme jetzt doch eine kleine Verärgerung an. Das konnte der blonde Lockenkopf schon nicht mehr hören. Resigniert ließ sich Gury auf ihrem Schaukelstuhl, der sicher auch bessere Zeiten gesehen hatte, fallen. Es war nicht das erste Mal, dass sie von ihrer Kleinen versetzt wurde. Auch wenn sie im ersten Moment meist ärgerlich war, lange blieb sie es nicht. Susi war ihr kleiner Sonnenschein. Und sie war fast ihr Enkelkind, auch wenn sie nicht wirklich mit ihr verwandt war. Sie kannte Susi seit sie aus der Klinik mit ihrer Mutter entlassen wurde und die beiden wie ein Häufchen Elend eine Unterkunft suchten. Es sollte nur für eine paar Wochen sein, aber nun waren fast sechs Jahre vergangen. Gury hatte viele Kinder großgezogen, fast einen ganzen Stamm und ihre Nachkommen waren in ganz Australien verstreut. All die Jahre hatte sie ihr Bestes für ihre Kinder, Enkelkinder und sogar schon Urenkel gegeben. Die meisten von ihnenhatte es vorgezogen, in die Stadt abzuwandern. Das Leben als Aborigines und deren Traditionen war ihnen nicht mehr wichtig und eher altmodisch und unbequem geworde. Es gab kaum Arbeit von deren Ertrag man leben konnte. Dass ihre Erfahrungen noch einmal für ein Kind wichtig werden würde, hatte sie nicht geglaubt, denn sie wollte sich endlich zur wohlverdienten Ruhe setzen. Ihr Mann war lange verstorben und sie dadurch meist allein, wenn nicht ihre Enkelin ab und zu mit den Kindern aus Alice Springs zu Besuch kommen würde. Daher war Susi für sie ein Stück sinnvolles Leben geworden.
Als Maryl mit dem Kind und einer Plastiktüte bei Gury auftauchte, war sie nicht besonders begeistert. Doch Maryl schien nicht sehr an Susi interessiert zu sein, denn sie hielt die Kleine steif und wie einen Gegenstand im Arm und gab das strampelnde Baby gern und recht eilig der alten Aborigine. Das weckte das Interesse der alten Frau. Maryl verschwand in das kleine, spärlich ausgestattete Zimmer, was ihr Gury zeigte. Sie ließ sich sofort auf das alte Metallbett aus Kolonialzeiten fallen und schlief, ungeachtet von Gury und der kleinen Susi auf deren Arm, ein. Das blieb auch die nächsten Tage fast ausschließlich so und Gury kümmerte sich um das verstörte kleine Menschlein. Sie war sehr verwundert, denn bei den Weißen hatte sie ein solches Verhalten noch nicht erlebt. Etwas Schlimmes musste der Mutter passiert sein und sie stellte besser keine Fragen. Auch in den darauffolgenden Jahren übernahm sie meist die Aufgaben von Maryl, denn mit dem Tag ihrer Ankunft kümmerte sie sich kaum noch um ihr Kind.
Das Kleine und dessen Schicksal wuchs Gury ans Herz. Sie war mittlerweile manche Wochen mit Susi allein und wenn nicht ihre Enkelkinder gewesen wären, dann hätte Susi niemanden in dieser Einöde außer Gury, sich selbst und den Tieren kennengelernt.
Am Baum angekommen, schüttete Susi die Erde wieder aus der Flasche, spülte die Reste mit dem Wasser aus und goss, als die Flasche sehr sauber zu sein schien, wieder ein wenig nach. Dann schlug sie mit dem mitgebrachten Stein auf die Flasche ein. Der Ton gefiel ihr immer noch nicht und sie füllte wieder Wasser nach. Nach einigem Probieren schien ihr das Resultat endlich zu gefallen und sie schlug abwechselnd auf die Flasche und auf den zerbrochenen Krug. Es ergab eine klangvolle Terz. Ein Lachen huschte ihr über ihr verschmiertes Gesicht und sie veränderte den Rhythmus. Durch mehrmaliges Verändern des Rhythmusses erklang mit nur zwei Tönen fast eine Melodie. Es hörte sich fast wie die Trommeln der alten Leute in den Siedlungen an, die sie manchmal abends aus der Ferne hören konnte.
Susi lauschte auch heute noch gern den Melodien und sie hört gebannt zu, bis sie verstummen, um auch nicht einen Ton zu verpassen.
Gury ließ dem kleinen Mädchen ihren eigenen Herzschlag des Lebens finden, so wie es Tradition bei den Aborigines war. Und Maryl war es egal. Sie war mit sich und ihren inneren Geistern beschäftigt. Seit sie aus dem Krankenhaus entlassen wurde, war sie nicht mehr die Gleiche und sie schottete sich von ihrer Umgebung ab. Sie schaute ihre Tochter wie durchsichtiges Glas an. Sie war zwar da, aber sie zog nicht in ihr Bewusstsein. Die Zeit, in der sie im Koma lag, hatte die Bindung zu ihrem Baby nicht ermöglicht. Wenn Zoé, die junge Krankenschwester in der Klinik, nicht gewesen wäre, wer weiß! Sie hatte dafür gesorgt, dass das Kind nicht in ein Heim oder Pflegefamilie abgeschoben wurde und bei der Entlassung der Beiden ein gutes Wort bei ihrer Großmutter, Gury, eingelegt. Die war nicht gerade erbaut davon, wieder jemanden aufzunehmen, aber Zoé versprach, das es nur für eine kurze sein würde. Als Gury das kleine Bündel in den Armen hielt, war sie wieder ganz Mutter und wiegte das verlorene Kind wie ihr eigenes. Aus Wochen wurden Jahre und so blieben die Beiden in dem Alten Haus. Wenn Susi nicht so völlig anders ausgesehen hätte mit ihrer hellen Haut, den blonden Haaren und dem europäischen Gesicht, keiner wäre auf den Gedanken gekommen, dass sie nicht ihre Tochter oder Enkelin gewesen wäre. Als Zoé mitbekam, dass ihre Schützlinge keine Anstalten machten, sich einen neue Bleibe oder Existenz aufzubauen, sorgte sie dafür, dass ihre Großmutter nicht alles aus ihrer eigenen Tasche bezahlen musste, was sowieso fast nicht möglich war. Wer von den Eingeborenen nicht dem Alkohol verfallen war, lebte entweder in der Stadt oder konnte sich nach den traditionellen Methoden versorgen. Dafür brauchte man kaum Geld, aber es war auch nicht vergleichbar mit einem europäischen Leben. Tiere und Früchte des Landes befanden sich für die Aborigines in einem ewigen Kreislauf, in den sich die Eingeborenen Jahrtausende lang einfügten. Einige Wenige lehnten die mitgebrachte Zivilisation der Europäer konsequent ab. Zoés Großmutter war weder dagegen noch dafür. Sie lebte ihren eigenen Stil und übernahm die Dinge, von denen sie glaubte, sie würden gut zu ihrem Leben passen und machte keinen Unterschied, ob sie aus ihrer Tradition oder von den Europäern stammten. Sie war prakmatisch und das half ihr über ihr langes Leben hinweg. Susi kam es zugute. Ab und zu brachte auch Maryl Geld mit, wenn sie aus der weit entfernten Stadt nach Wochen zurück kam. Sie überließ es Gury und diese legte es fein säuberlich, jedes Mal, in einen kleinen Tabaksbeutel unter den Dielen in ihr Zimmer. Dort hatte sich schon eine kleine Summe angehäuft, doch sie nahm nicht einen Cent davon.
Die Tür knarzte wieder in den höchsten Tönen und Gury glaubte, dass Susi nun doch noch ihre Suppe essen wolle. Doch in der Küche er schien Maryl. Ohne weiteren Gruß klatschte sie geräuschvoll ihre Tasche auf den Tisch und wandte sich an Gury. Lange hatte sie die junge Frau nicht mehr gesehen, es mussten wohl fast drei Wochen her sein. Wortlos war sie wieder einmal gegangen und keine Nachricht hinterlassen. Susi fragte nicht einmal mehr nach ihr, zu oft war das schon vorgekommen. Sie hatte ja ihre Gury und bei der genoss viele Freiheiten.
„Susi muss eingeschult werden. Ich habe die Aufforderung von der Behörde bekommen!“
Gury antwortete nicht und eine ganze Weile blieb es still in dem Raum. Die Worte hallten in dem Gedächtnis der alten Frau eine ganze Zeit weiter nach, obwohl Maryl schon längst wieder den Raum, ohne auf Antwort zu warten, verlassen hatte.
Sie wusste und befürchtete es. Ihre Kleine sollte nun auch in den Zwang eingegliedert werden! Der schönste Teil ihrer Kindheit war somit vorbei und sie war sich nicht sicher, wie Susi darauf reagieren würde. Susi sprach mit niemanden kaum mehr als drei Worte, außer mit ihr. Ihre Mutter hielt nicht viel von dem Verstand ihres Kindes und machte sich auch keine Mühe, diesen zu ergründen und weshalb Susi so verschlossen war. Es war ihr schlichtweg egal. Doch Gury hatte Angst, dass man ihr das Kind wegnehmen und in eine der Förderschulen nach Alice Springs schicken würde. Auf Maryls Hilfe konnte sie in diesem Punkt lange warten, auch wenn es ihre Pflicht war, sie ignorierte es einfach. Das Problem musste sie somit allein lösen und solange sie für Susi sorgte, sollte diese frei sein, bevor sie erwachsen werden würde.
Gury selbst konnte kaum lesen und schreiben, aber sie wusste, wie wichtig das für das kleine Mädchen später sein würde. Es blieb ihr nichts anderes übrig, sie musste ein weiteres Mal Zoé ins Vertrauen ziehen. In allen solchen Dingen stand diese ihrer Granny helfend zur Seite und diese hatte dadurch kaum Probleme, Angelegenheiten bei den Behörden durchzusetzen oder auch andere wichtige Angelegenheiten schriftlich zu erledigen. Man nahm sie zumindest ernster als Analphabeten. Gury schämte sich oft dafür, dass sie es früher versäumt hatte, in die Schule zu gehen. Sie liebte es, mit ihrer Großmutter in der Weite der Umgebung für den Alltag der großen Familie zu sorgen. Nichts war spannender, zu erfahren, wie man am besten den wilden Bienen einen Teil ihres Honigs abluchste, nicht alles, sonst hätte man im folgenden Jahr keine „Ernte“ mehr gehabt. Es war lebenswichtig, zu wissen, wo man Wasser fand, obwohl keines da war, in der Hitze und in den vertrockneten Flussläufen. Sie lernte die Kakteen auf Genießbarkeit zu unterscheiden und wie man sich am besten vor den kleinen giftigen Spinnen schützte. Das Überleben in der Natur Australiens war nicht einfach und es bedarf sehr viel Wissen, um die wahre Schönheit des Landes zu entdecken. Dieser Kontinent vereint alle Extreme, die schönsten und giftigsten Tiere, die blühendsten und tödlichsten Gebiete, die schönsten und interessantesten Pflanzen und ihre skurrilsten Gegenspieler, die größte Freiheiten, aber auch die größten Gefahren. Wer dort überleben und frei sein wollte, war auf das Wissen der Alten angewiesen oder man blieb in den Städten, die den Großstädten der Welt gleichen.
Gury fühlte sich in den Schulen gefangen. Sie war der Assimilation der Weißen durch Tricks ihrer Familie entronnen, weil man ihre Existenz einfach nicht angegeben hatte. Und da sie weit von dem nächsten bewohnten Gebiet lebten, hatte man das nicht immer überprüfen können. Hundertausende von Kindern waren bis 1970 ihren Familien gewaltsam entrissen worden, um sie in die „weiße“ Gesellschaft assimilieren und ihrer Identität zu berauben. Bei Gury war das nicht gelungen und somit konnte sie noch aus dem reichhaltigen Wissen ihrer Vorfahren schöpfen. Es war schwer gewesen, ihren Kindern und Enkeln das Gleiche angedeihen zu lassen. Sie hatte es teilweise geschafft, doch viele ihrer Angehörigen zogen es vor, wie viele andere auch, wegzugehen und komfortabler zu leben.
Sie war nicht traurig, jeder musste sein Leben finden, aber bei Susi war das anders. Sie konnte es nicht in Worten fassen, nie hatte sie so ein Kind erlebt, so empfindsam und besonders. Sie sah eine Chance für sich selbst und Susi. Sie wollte bei ihr Beides verbinden, Tradition, auch wenn sie keine Eingeborene war, und Ausbildung, ohne die sie in der Zukunft nicht überleben würde. Ihr selbst war es all die Jahre nicht gelungen, das Verlorene nachholen, denn die Arbeit und die Pflege ihrer Kinder, Enkelkinder und schon Urenkel ließen das nicht zu. Jetzt war sie zu alt. Aber das Wissen ihrer eigenen, geliebten Granny sollte nicht verloren gehen. Susi, sie sollte das Wissen unbedingt bekommen, was ihr fehlte, dafür würde sie schon sorgen! Trotzdem hätte sie aber gern noch ein bisschen mehr Zeit mit ihrem letzten Kind, was sie aufziehen würde, gehabt, ohne diesen Zwang, weil sie wusste, dass es der Kleinen wahrscheinlich nicht gefallen würde.
Wie sollte sie ihr helfen? Ihre Mutter kümmerte sich nur um sich und Susi war es gewohnt, den Tag nach eigenem Ermessen zu verbringen. Aber nun war die Zeit herangekommen und die Einschulung rückte mit jedem Tag näher. Hoffentlich brauchte sie nicht in ein Internat, wenn man herausbekam, dass Gury keine Hilfe war. Maryl musste in ihren Plan mit einbezogen werden, ob es sie interessierte oder nicht.
Kinder dieser Gegenden konnten per Funk unterrichtet werden, weil es nur zwei Alternativen gab, entweder sie mussten ins Internat oder bekamen den Schulstoff per Funk. Es funktionierte wie in einer normalen Schulklasse, die Lehrerin hatte in ihrem Netz den Überblick der eingeloggten Schüler und konnte mit jedem persönlich sprechen und ihn abfragen. Mehrere Stunden am Tag, mit Pausen und auch Scherzen, vergingen damit. Man konnte sich nicht einfach verabschieden, ohne dass es Probleme gegeben hätte. Für die ärmeren Familien wurden die Funkgeräte gestellt. Sicher würde auch sie eins bekommen, aber Maryl musste zugegen sein und ihre Mitarbeit unter Beweis stellen. Die Hilfe der Eltern war Voraussetzung, dass es genehmigt wurde.
Maryl sah erst nach langen Diskussionen ein, dass sie Susi unterstützen müsse, ihr wäre es auch recht gewesen, ihr Kind ins Internat zu geben. Doch sie wollte auch nicht ihre Zuflucht verlieren. Das Haus gehörte Gury und sie war von deren Wohlwollen abhängig. Also spielte sie wohl oder übel mit.
Der Tag der Einschulung war nun gekommen und Susi war wieder einmal nicht da. Ganz früh am Morgen hatte Gury sie leise durchs Haus zwitschern hören und es war noch zu früh, um sie ordentlich anziehen zu wollen. Also ließ sie das Kind für ein paar Stündchen gewähren.
Gury wusste, wo sie die Ausreißerin suchen musste. Sie sah den kleinen Blondschopf jeden Tag zu dem nahegelegenen alten Baum weit hinter dem Haus verschwinden und machte sich daher um ihr Verbleiben keine Gedanken. Doch die Stunde der Ankunft der Mitarbeiter von der Schulbehörde rückte unerbittlich näher. Sie musste Susi in ein taugliches Kleidchen stecken und ihre Haare kämmen. Maryl war zu Hause geblieben und saß bei einer Tasse Tee im Wohnzimmer. Sie überließ es Gury, das Kind zu holen und diese schlurfte so schnell sie konnte aus dem Haus.
Wie sie vermutet hatte, sah sie in der Ferne die kleine Gestalt. Die Hitze war jetzt schon wieder kaum erträglich und als sie an Susis Baum ankam, blieb sie verschwitzt, außer Atem und sehr erstaunt stehen. Sie traute ihren Augen und Ohren nicht. An den verdorrten Ästen des uralten Baumes, der schon viele Menschengenerationen gesehen hatte, hingen mehr als ein paar Dutzend Gegenstände an den unterschiedlichsten Fäden und bewegten sich mehr oder weniger im Wind. Sie schienen einer besonderen Ordnung unterworfen, denn als der flirrende Wind die Gegenstände bewegte, stießen einige aneinander und und stimmten in eine Melodie ein, gläsern, klirrend und geheimnisvoll. Andere wiederum schlug Susi in einer harmonischen Reihenfolge mit einem kleinen Stein an und ihre Töne ergänzten die vom Wind erzeugten wie Solisten in einem Konzert. Es entstand ein ungewöhnliches Orchester aus einem anderen Reich, zart und doch unüberhörbar. Susi stand davor, mit dem Rücken zu Gury gewandt und spielte ihr „Instrument", als hätte sie darin Unterricht bekommen. Sie hatte sich ganz allein ein sphärisches Konzert erschaffen, als würden ihre und auch andere Geister in einer schönen Ordnung tanzen. Gury rührte sich nicht und sagte kein Wort. Sie wäre gern noch länger geblieben, denn einen solchen Klang hatte sie noch nie gehört. Es berührte ihre Seele. Die Geister ihrer Ahnen schienen anwesend zu sein und ein erhabenes Gefühl bemächtigte sich ihrer. Das war es, was das Leben ausmachte! Die Vereinigung von Schönheit und Reinheit der Sinne! Ein kleines Kind von kaum sechs Jahren hatte das bewirkt und Gury durfte es erleben. Doch sie musste ihre Kleine losreißen, damit sie nicht zu spät kommen würden.
Ihr wurde es schwer, aber es nützte alles nichts. Wenn sie die Kleine nicht verlieren wollte, musste sie rechtzeitig zurück sein.
Sie ging ein paar Schritte auf das nun regungslos lauschende kleine Mädchen zu und strich ihr sanft über die Schulter ihres Stoffkleidchens. Susi drehte sich erschrocken um. Dem Schreck folgte ein freches Grinsen.
„Horch!“, wisperte sie leise, um darauf sofort wieder zu verstummen. Gury tat wie ihr geheißen und sie erkannte einzelne Melodiefolgen in dem Gesamteindruck wieder. Susi hatte tatsächlich den Klang der Trommeln und des Landes irgendwie eingefangen. Dumpfe zarte Klänge und leise gläserne Töne gaben sich ein neues Stelldichein. Wenn man es doch einfangen könnte, dachte sie sichtlich bewegt. Sie nahm das kleine schlaffe Kinderhändchen und zog sie weg von diesem schönen Ort.
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Dienstag, 20. März 2012
ustrarisa: Fortsetzung von "Susi Meier"
ustrarisa, 13:49h
Paul und Konstanze sahen sich verwundert an. „Es“ sollte noch nicht da sein? Sie musste doch wissen, dass es mehr als eins waren?! Sie schien nicht wirklich ganz bei Bewusstsein zu sein. Aber da versuchte sie schon wieder etwas zu sagen.
„Wieso ist es schon da? Meine Augen, meine Augen tun so weh. Bin ich in der Klinik?“ Die letzten Worte konnte man schon gar nicht mehr verstehen, sie verlor wieder das Bewusstsein.
„Paul, wir müssen sie unbedingt in eine Klinik bringen. Was ist, wenn ihr etwas passiert und der Junge atmet so komisch. Ich weiß nicht, was ich tun soll!“ Ihre Stimme war angstvoll und ein wenig schrill.
„Halte die Kleinen warm! Was ist, atmen sie alle? Pass bitte darauf auf, denn ich weiß nicht, wie alt die Kinder sind und welche Probleme noch auftreten. Wir müssen hier weg und zwar sofort!“ Er versuchte so ruhig wie möglich zu sprechen, damit sich Konstanze nicht noch mehr Sorgen machte und am Ende wegen der Überforderung vielleicht noch als Hilfe ausfiel. Er machte sich daran, die junge Frau zu untersuchen. Die Plazenta war noch nicht geboren und er nutzte die Zeit, um nach weiteren Verletzungen zu suchen. Sie schien irgendwo Blut zu verlieren, aber er konnte es nicht sehen. Er hatte keinerlei Möglichkeiten, eine Infusion zu legen und musste sehen, dass sie bis zum Morgen durchhielt.
An Schlaf nun nicht mehr zu denken, wo auch, die Neugeborenen lagen in Reih und Glied nebeneinander in seinem Bett, immer eine warme Flasche zwischen sich. Sie versuchten mit ihren kleinen dürren und sehr roten Ärmchen die Handtücher, mit denen sie zugedeckt waren, zu loszuwerden, zumindest sah es danach aus.
„Paul, sie hat nur nach einem Kind gefragt!“ Konstanze sah ihn gespannt an. Er antwirtete nicht darauf. Sie aber war wie unter Strom und versuchte hektisch, die Kinder unter den Handtüchern zu halten.
„Gib mir den Jungen, ich werde ihn seiner Mutter anlegen, damit er etwas Flüssigkeit bekommt und danach das erste Kind!“ Konstanze wickelte das winzige Menschlein separat in das blaue riesige Handtuch und reichte Paul das Kind rüber. Dieser legte ihn sofort an die Brust der schwer verletzten Frau. Er jetzt hatte er bemerkt, dass sich eine Kopfverletzung von der Stirn bis zum Hinterkopf zog. Die Wunde war nicht offen, aber ein riesiges Hämatom machte sich immer deutlicher bemerkbar und ihr Puls war ziemlich hoch. Auch die Bauchdecke war etwas gespannt. Das konnte von der Entbindung kommen, aber wahrscheinlich war es nicht.
„Ich kopple den Wohnwagen erst einmal ab und sehe zu, dass wir doch noch in eine Klinik kommen. Viel Zeit bleibt uns nämlich nicht mehr.“
Er beeilte sich in dem beengten Raum so sehr wie möglich, um die Vorbereitungen zu treffen und Konstanze sah ihn beunruhigt zu. Kurz darauf verschwand er in die Dunkelheit nach draußen und hantierte dort in großer Eile herum. Er schaffte es trotzdes Regens den Wonhnwagen abzukoppeln, obwohl er kaum etwas sah, doch ziemlich schnell und ließ sofort den Motor des Wagens an. Der Regen hatte an Intensität nachgelassen und vielleicht würden sie es schaffen, über diese schlammige Straße fortzukommen. Das GPS funktionierte immer noch nicht und es blieb ihnen keine Wahl, selbst den Weg in die vierzig Meilen entfernte Stadt zu finden. Konstanze holte die fest eingewickelten Kinder. Eine Klappbox, die sie vorher mit Handtüchern ausgekleidet hatte, eignete sich hervorragend für den Transport, denn Kindersitze hatten sie nicht zu Verfügung und das Rumpeln des Jeeps sollte sich nicht zu sehr auf viel zu früh geborenen Säuglinge übertragen. Die Kinder lagen wie kleine Minimumien eingewickelt nebeneinander und schliefen. Alle hatten sie etwas getrunken und waren danach gleich eingeschlafen.
Konstanze buchsierte die Box auf den hinteren Sitz, schnallte ihn umständlich an und federte alles noch mit einem Kissen ab. Sie konnte ja nicht drei Kinder auf einmal im Arm halten, die Mutter war nicht in der Lage dazu und Paul musste fahren.
Am schwierigsten war es, die junge Frau so schonend wie möglich in den Wagen zu bekommen. Sie war ein wenig korpulent und Paul konnte sie kaum allein auf den Armen halten. Konstanze musste wieder mit anfassen und sie ächzten und stöhnten beide, damit sie so unversehrt wie möglich in den Sitz gesetzt werden konnte. Eigentlich hätte sie liegen müssen, aber der Platz reichte dafür nicht aus. Die junge Frau wachte bei all den Aktionen nicht mehr auf, was ziemlich besorgniserregend war.
Wenn die Situation nicht so dramatisch gewesen wäre, hätte man den Anblick komisch finden können. Eine verrückte Lage!
Nachdem sie sie alle sicher in den Wagen verfrachtet hatten, startete Paul den Wagen. Die Räder gruben sich zuerst in den Schlamm und einen Moment lang stand beiden fast das Herz still. Aber nach zwei weiteren Versuchen bekamen sie doch noch Halt und er preschte so schnell es ging davon. Beide waren sie sehr erschöpft und müde, als sie in der Stadt endlich ankamen.
Die Klink war hell erleuchtet und er stieg schnell aus, um in der Notaufnahme Bescheid zu geben. Dann lief alles wie von selbst.
Zweites Kapitel
In der Intensivstation piepten die Apparate gleichmäßig und sehr leise.
Mary lag bewegungslos in dem sterilen Krankenhausbett. Es hatte wahrscheinlich schon viele Patienten gesehen, denn die weiße Farbe war an manchen Stellen dem blanken Metall gewichen und die Sonne spiegelte sich ein wenig darin.
Es sah aus, als würde sie sich ausruhen. Nur der Tropf störte das friedliche Bild. Alle Elektroden zur Überwachung waren verborgen und alles schien weiß und unnatürlich. Neben ihr stand ein kleines Kinderbettchen aus Acryl. Ein rosiges und nun nicht mehr gar so dünnes Kindergesichtchen lugte aus dem rosa Laken und versprühte ein wohliges Leben. Die Ärmchen ruderten wild herum.
Drei Monate waren vergangen und die Mutter der Kleinen war immer noch im Koma. Keiner konnte sich das erklären, aber wahrscheinlich hatte sie durch den Unfall zu viel Blut verloren. Man konnte nur hoffen, dass sich alles wieder normalisierte.
Eine Schwester kam herein und holte den Säugling aus dem Bettchen.
„Na, mein Schatz? Hast du schon wieder Hunger? Sie lächelte ihr zu. Ein lustiges Blitzen aus dem Babygesicht war zu sehen. Die Kleine schien die Schwester zu erkennen.
„Na, dann wollen wir mal!“ Man hatte Maryl trotz ihres Zustandes regelmäßig das Kind angelegt, damit das Kleine eine Überlebenschance bekam und ein Reiz an das Gehirn gesetzt wurde, wieder ins Bewusstsein zurückzukehren. Bis jetzt hatte wenigstens das komplikationslos geklappt. Normalerweise funktionierte das in anderen und vergleichbaren Fällen nicht oder nur sehr kurz. Und mit industrieller Milch war ein Kind immer ein wenig schlechter dran.
Langsam gab man die Hoffnung auf, dass die Mutter wieder aufwachen würde. Die Kopfverletzung war schwer gewesen und nach der Operation konnte niemand genau wissen, ob sie nicht bleibende Schäden zurück behalten würde.
Man hatte, nachdem sie eingeliefert wurde, Recherchen anstellen müssen, damit die junge Frau überhaupt identifiziert werden konnte. Doch nichts ergab sich zu ihren Personalien. Sie schien nirgendwo registriert zu sein und sie wurde auch nicht vermisst. Auch der Mann, der sie im Krankenhaus abgeliefert hatte, konnte nichts zu ihrer Identität sagen und war kurz darauf verschwunden.
Das Kind konnte jedenfalls nicht mehr lange in der Obhut des Krankenhauses bleiben, darauf war die Station nicht eingestellt. Doch niemand wollte den ersten Schritt wagen, das elternlose Baby in ein Heim zu geben und alle zögerten den Schritt unter fadenscheinigen Vorwänden hinaus. Darin waren sich alle stillschweigend einig, selbst der Professor, der sich ziemlich unnahbar für persönliche Dinge gab, nahm sie bei der Visite auf den Arm. Noch war es hier besser aufgehoben. Man dem Kind einen vorläufigen Namen gegeben. Heute sollte die zuständige Jugendbehörde die Kleine abholen. Einen offiziellen Namen hatte sie noch nicht und daher nannten die Schwestern sie „Susi“. Sämtliche kuriose Namen wurden vorgeschlagen, aber die einfachste Version wurde per Abstimmung übernommen. Sie wussten nur von der Anmeldung in der Notaufnahme, dass die Mutter wahrscheinlich eine Deutsche war. Dies hatte der gehetzt wirkende Mann noch gesagt, als er das Rettungsteam um Hilfe bat. Dummerweise hatte sich niemand sein Nummernschild aufgeschrieben und nun war die letzte Möglichkeit, etwas über die Patientin zu erfahren, vertan.
Wenn es eine deutsche Touristin war, musste sie irgendwo gemeldet sein, aber es ergab sich nichts. War es eine Einheimische, wurde sie komischerweise nicht vermisst. Eine schwangere Frau, die nicht vermisst wurde? Es ergab alles keinen Sinn. Daher nannten sie alle das Kind Susi und die Mutter Mrs. Meier. Die meisten Deutschen heißen Meier, nahm man an!
Gerade als Zoé, die Krankenschwester, Susi wieder in ihr Bettchen legen wollte, bewegte sich ihre Mutter. Zoé erstarrte vor Schreck, denn sie knöpfte ihr in dem Moment die Bluse zu.
Maryl öffnete die Augen und schaute verständnislos die für sie fremde Person an, die sich über sie gebeugt hatte. Sie blinzelte und wischte sich langsam über das Gesicht. Ihre Sicht war verschwommen und sie versuchte den Schleier weg zu wischen. Es gelang aber nicht.
„Wo bin ich?“, kam es krächzend aus ihrem Hals. Die Stimmbänder waren wie eingerostet.
Zoé schaute sie verständnislos an. Auf Englisch antwortete sie: „Warten Sie, ich hole den Arzt und dann können wir reden!“ Sie streichelte beruhigend den Arm von Maryl, drehte sich hastig herum und verließ die verdatterte Patientin. Doch kurz darauf kam eine ganze Armada von Schwestern und Ärzten in das Zimmer und alle redeten erst einmal wahllos auf sie ein. Einer versuchte sich gar in einem unverständlichen Deutsch, aber Maryl antwortete auf einwandfreiem Englisch.
„Wo bin ich hier?“ Mehr kam nicht über ihre Lippen.
„ Sie sind in Alice Springs!“, antwortete ruhig der am nächsten stehende Arzt.
„Aber warum bin ich hier?“. Erwartungsvoll schaute sie den Arzt an.
„Sie hatten einen Unfall! Können Sie uns sagen, wie Sie heißen?“ Er nahm sich einen Hocker und setzte sich neben das Bett.
Maryl überlegte. Doch sie erschrak, denn ihr fiel ihr Name nicht ein. Sie kniff die Augen zusammen, aber kein einziger bekannter Name kam ihr in den Sinn.
„Ich weiß es nicht!“, meinte sie ängstlich. „Wieso weiß ich das nicht? Außerdem, was ist denn mit meinen Augen los? Ich sehe alles verschwommen!“ Sie blinzelte wieder und wischte heftig an ihren nun schon roten Augen herum.
Der Professor übernahm das Wort. „Sie hatten mit Sicherheit ein Problem mit den Bufu-Kröten. Wir konnten nicht alles mehr rückgängig machen, die Augen waren zu entzündet und sie kamen spät! Da kann man ihnen aber helfen. Eine gute Brille wird das Schlimmste mildern. Aber haben Sie denn schon ihr Kleines gesehen? Er ging hinüber zu dem Acrylbettchen und hob das strampelnde Würmchen heraus. Seine große weiche Hand strich bedächtig über die kleine, mit blonden Härchen bewachsene Stirn. „Nehmen Sie sie!“
Maryl sah erschrocken auf das Kind neben sich und bewegte sich zuerst nicht. Das sollte ihr Kind sein? Jetzt schon? Sie erinnerte sich an die Schwangerschaft, die sie eigentlich nicht wollte, aber sie wusste nichts von der Geburt.
„Wieso habe ich denn das Kind? Und wie alt ist es denn? Es war doch noch so viel Zeit?“ Sie versuchte sich aufzusetzen und eine der Schwestern half ihr dabei und verstellte das Kopfteil. Langsam und sehr zögernd nahm Mary die Kleine auf. Das Kind begann sofort zu schreien. Es merkte, dass etwas nicht stimmte und der Professor nahm die Kleine wieder von Maryls Bett.
„Machen Sie sich keine Sorgen. Sie sind schon eine ganze Weile ohne Bewusstsein und wir haben das Kind versorgt. Es kennt sie noch nicht. Als Sie hier eingeliefert wurden, war das Kind schon geboren. Können Sie sich an irgendetwas erinnern?
Maryl ließ sich erschöpft in die Kissen fallen. „Ich weiß überhaupt nichts!“
„Wir lassen sie jetzt erst einmal allein!“ Damit verabschiedete sich das Team vorläufig von Maryl. Nur die junge Schwester Zoé nahm die kleine Susi, drückte sie an sich und verließ mit einem Kopfnicken in Richtung des Bettes das Zimmer.
Die Beamte des Jugendamtes wollte sich damit nicht abfinden, umsonst den weiten Weg gekommen zu sein und erwischte Zoé am Arm. „Wir sollten die Kleine trotzdem erst einmal zu einer Pflegefamilie geben, Wer weiß, wann die Mutter in Lage ist, das Kind zu versorgen. Sie weiß ja nicht einmal über sich selbst Bescheid. Der Professor hatte ihr die Lage geschildert und sie war überzeugt, zum Besten des Kindes zu handeln.
„Vergessen Sie es! Das Kind kann die paar Tage noch hier bleiben. Ich denke, dass es besser bei der Mutter aufgehoben ist!“ Es kam sehr rebellisch über ihre Lippen, aber solche Leute konnte sie noch nie leiden. Es war nicht das erste Kind, was sie hier mit einem zynischen Lächeln abgeholt hatte. Die Schwester nahm immer wieder Anteil an den Schicksalen der Frauen, die ihr Kind auf diese Weise verloren. Manche Frauen waren Aborigines und sahen keine andere Perspektive als den Alkohol. Die Kinder hatten so gut wie keine Chance und deswegen kamen schon bei Verdacht sofort in die staatliche Fürsorge und es war schwer, sie da wieder raus zu holen. Zoé hasste diese Situationen. Die verlorenen und verzweifelten Augen der Mütter, die Trauer und sie wusste, dass die Kinder auch in der Fürsorge keine richtige Chance bekamen. Es waren hier zu viele geworden. Sie selbst kam von dort und wusste, was das bedeutete. Diesen kleinen Triumpf wollte sie für sich auskosten, denn alle auf der Station hatten Susi lieb gewonnen. Keiner hatte anfangs nur einen Pfifferling auf das Leben des kleines Mädchens gegeben, aber sie hatte es trotz vieler Niederschläge immer wieder geschafft. Eines Tages, als sie ganz schlimme Reaktionen auf die Medikamente zeigte, schien alles zu Ende zu sein. Der Professor gab die Order, sie in ein separates Zimmer zu legen und sie nicht mehr aus den Augen zu lassen. Er ging davon aus, dass sie die Nacht nicht überleben würde und wollte nicht, dass sie allein einschlief. Zoé war dabei und weinte heimlich in ihr Taschentuch. Susi lag apathisch in ihrem Bettchen und nur das leise Piepsen der Apparate zerriss die unheimliche Stille. Auf einmal aber kam aus dem Bettchen ein kleines Jauchzen. Zoé schien sich verhört zu haben, aber da war es schon wieder. Sie lachte! Susi lachte und hatte die Augen geöffnet.
Zoé rief sofort ihre Kolleginnen herbei und diese glaubten anfangs, dass es nun vorbei wäre. Aber Zoé hielt ihnen das kleine sehr lebendige Bündel vor die Augen und es lachte weiter. Von dieser Zeit an war es das kleine Wunder auf der Kinderstation, obwohl sie dort nicht häufig war..
„Wieso ist es schon da? Meine Augen, meine Augen tun so weh. Bin ich in der Klinik?“ Die letzten Worte konnte man schon gar nicht mehr verstehen, sie verlor wieder das Bewusstsein.
„Paul, wir müssen sie unbedingt in eine Klinik bringen. Was ist, wenn ihr etwas passiert und der Junge atmet so komisch. Ich weiß nicht, was ich tun soll!“ Ihre Stimme war angstvoll und ein wenig schrill.
„Halte die Kleinen warm! Was ist, atmen sie alle? Pass bitte darauf auf, denn ich weiß nicht, wie alt die Kinder sind und welche Probleme noch auftreten. Wir müssen hier weg und zwar sofort!“ Er versuchte so ruhig wie möglich zu sprechen, damit sich Konstanze nicht noch mehr Sorgen machte und am Ende wegen der Überforderung vielleicht noch als Hilfe ausfiel. Er machte sich daran, die junge Frau zu untersuchen. Die Plazenta war noch nicht geboren und er nutzte die Zeit, um nach weiteren Verletzungen zu suchen. Sie schien irgendwo Blut zu verlieren, aber er konnte es nicht sehen. Er hatte keinerlei Möglichkeiten, eine Infusion zu legen und musste sehen, dass sie bis zum Morgen durchhielt.
An Schlaf nun nicht mehr zu denken, wo auch, die Neugeborenen lagen in Reih und Glied nebeneinander in seinem Bett, immer eine warme Flasche zwischen sich. Sie versuchten mit ihren kleinen dürren und sehr roten Ärmchen die Handtücher, mit denen sie zugedeckt waren, zu loszuwerden, zumindest sah es danach aus.
„Paul, sie hat nur nach einem Kind gefragt!“ Konstanze sah ihn gespannt an. Er antwirtete nicht darauf. Sie aber war wie unter Strom und versuchte hektisch, die Kinder unter den Handtüchern zu halten.
„Gib mir den Jungen, ich werde ihn seiner Mutter anlegen, damit er etwas Flüssigkeit bekommt und danach das erste Kind!“ Konstanze wickelte das winzige Menschlein separat in das blaue riesige Handtuch und reichte Paul das Kind rüber. Dieser legte ihn sofort an die Brust der schwer verletzten Frau. Er jetzt hatte er bemerkt, dass sich eine Kopfverletzung von der Stirn bis zum Hinterkopf zog. Die Wunde war nicht offen, aber ein riesiges Hämatom machte sich immer deutlicher bemerkbar und ihr Puls war ziemlich hoch. Auch die Bauchdecke war etwas gespannt. Das konnte von der Entbindung kommen, aber wahrscheinlich war es nicht.
„Ich kopple den Wohnwagen erst einmal ab und sehe zu, dass wir doch noch in eine Klinik kommen. Viel Zeit bleibt uns nämlich nicht mehr.“
Er beeilte sich in dem beengten Raum so sehr wie möglich, um die Vorbereitungen zu treffen und Konstanze sah ihn beunruhigt zu. Kurz darauf verschwand er in die Dunkelheit nach draußen und hantierte dort in großer Eile herum. Er schaffte es trotzdes Regens den Wonhnwagen abzukoppeln, obwohl er kaum etwas sah, doch ziemlich schnell und ließ sofort den Motor des Wagens an. Der Regen hatte an Intensität nachgelassen und vielleicht würden sie es schaffen, über diese schlammige Straße fortzukommen. Das GPS funktionierte immer noch nicht und es blieb ihnen keine Wahl, selbst den Weg in die vierzig Meilen entfernte Stadt zu finden. Konstanze holte die fest eingewickelten Kinder. Eine Klappbox, die sie vorher mit Handtüchern ausgekleidet hatte, eignete sich hervorragend für den Transport, denn Kindersitze hatten sie nicht zu Verfügung und das Rumpeln des Jeeps sollte sich nicht zu sehr auf viel zu früh geborenen Säuglinge übertragen. Die Kinder lagen wie kleine Minimumien eingewickelt nebeneinander und schliefen. Alle hatten sie etwas getrunken und waren danach gleich eingeschlafen.
Konstanze buchsierte die Box auf den hinteren Sitz, schnallte ihn umständlich an und federte alles noch mit einem Kissen ab. Sie konnte ja nicht drei Kinder auf einmal im Arm halten, die Mutter war nicht in der Lage dazu und Paul musste fahren.
Am schwierigsten war es, die junge Frau so schonend wie möglich in den Wagen zu bekommen. Sie war ein wenig korpulent und Paul konnte sie kaum allein auf den Armen halten. Konstanze musste wieder mit anfassen und sie ächzten und stöhnten beide, damit sie so unversehrt wie möglich in den Sitz gesetzt werden konnte. Eigentlich hätte sie liegen müssen, aber der Platz reichte dafür nicht aus. Die junge Frau wachte bei all den Aktionen nicht mehr auf, was ziemlich besorgniserregend war.
Wenn die Situation nicht so dramatisch gewesen wäre, hätte man den Anblick komisch finden können. Eine verrückte Lage!
Nachdem sie sie alle sicher in den Wagen verfrachtet hatten, startete Paul den Wagen. Die Räder gruben sich zuerst in den Schlamm und einen Moment lang stand beiden fast das Herz still. Aber nach zwei weiteren Versuchen bekamen sie doch noch Halt und er preschte so schnell es ging davon. Beide waren sie sehr erschöpft und müde, als sie in der Stadt endlich ankamen.
Die Klink war hell erleuchtet und er stieg schnell aus, um in der Notaufnahme Bescheid zu geben. Dann lief alles wie von selbst.
Zweites Kapitel
In der Intensivstation piepten die Apparate gleichmäßig und sehr leise.
Mary lag bewegungslos in dem sterilen Krankenhausbett. Es hatte wahrscheinlich schon viele Patienten gesehen, denn die weiße Farbe war an manchen Stellen dem blanken Metall gewichen und die Sonne spiegelte sich ein wenig darin.
Es sah aus, als würde sie sich ausruhen. Nur der Tropf störte das friedliche Bild. Alle Elektroden zur Überwachung waren verborgen und alles schien weiß und unnatürlich. Neben ihr stand ein kleines Kinderbettchen aus Acryl. Ein rosiges und nun nicht mehr gar so dünnes Kindergesichtchen lugte aus dem rosa Laken und versprühte ein wohliges Leben. Die Ärmchen ruderten wild herum.
Drei Monate waren vergangen und die Mutter der Kleinen war immer noch im Koma. Keiner konnte sich das erklären, aber wahrscheinlich hatte sie durch den Unfall zu viel Blut verloren. Man konnte nur hoffen, dass sich alles wieder normalisierte.
Eine Schwester kam herein und holte den Säugling aus dem Bettchen.
„Na, mein Schatz? Hast du schon wieder Hunger? Sie lächelte ihr zu. Ein lustiges Blitzen aus dem Babygesicht war zu sehen. Die Kleine schien die Schwester zu erkennen.
„Na, dann wollen wir mal!“ Man hatte Maryl trotz ihres Zustandes regelmäßig das Kind angelegt, damit das Kleine eine Überlebenschance bekam und ein Reiz an das Gehirn gesetzt wurde, wieder ins Bewusstsein zurückzukehren. Bis jetzt hatte wenigstens das komplikationslos geklappt. Normalerweise funktionierte das in anderen und vergleichbaren Fällen nicht oder nur sehr kurz. Und mit industrieller Milch war ein Kind immer ein wenig schlechter dran.
Langsam gab man die Hoffnung auf, dass die Mutter wieder aufwachen würde. Die Kopfverletzung war schwer gewesen und nach der Operation konnte niemand genau wissen, ob sie nicht bleibende Schäden zurück behalten würde.
Man hatte, nachdem sie eingeliefert wurde, Recherchen anstellen müssen, damit die junge Frau überhaupt identifiziert werden konnte. Doch nichts ergab sich zu ihren Personalien. Sie schien nirgendwo registriert zu sein und sie wurde auch nicht vermisst. Auch der Mann, der sie im Krankenhaus abgeliefert hatte, konnte nichts zu ihrer Identität sagen und war kurz darauf verschwunden.
Das Kind konnte jedenfalls nicht mehr lange in der Obhut des Krankenhauses bleiben, darauf war die Station nicht eingestellt. Doch niemand wollte den ersten Schritt wagen, das elternlose Baby in ein Heim zu geben und alle zögerten den Schritt unter fadenscheinigen Vorwänden hinaus. Darin waren sich alle stillschweigend einig, selbst der Professor, der sich ziemlich unnahbar für persönliche Dinge gab, nahm sie bei der Visite auf den Arm. Noch war es hier besser aufgehoben. Man dem Kind einen vorläufigen Namen gegeben. Heute sollte die zuständige Jugendbehörde die Kleine abholen. Einen offiziellen Namen hatte sie noch nicht und daher nannten die Schwestern sie „Susi“. Sämtliche kuriose Namen wurden vorgeschlagen, aber die einfachste Version wurde per Abstimmung übernommen. Sie wussten nur von der Anmeldung in der Notaufnahme, dass die Mutter wahrscheinlich eine Deutsche war. Dies hatte der gehetzt wirkende Mann noch gesagt, als er das Rettungsteam um Hilfe bat. Dummerweise hatte sich niemand sein Nummernschild aufgeschrieben und nun war die letzte Möglichkeit, etwas über die Patientin zu erfahren, vertan.
Wenn es eine deutsche Touristin war, musste sie irgendwo gemeldet sein, aber es ergab sich nichts. War es eine Einheimische, wurde sie komischerweise nicht vermisst. Eine schwangere Frau, die nicht vermisst wurde? Es ergab alles keinen Sinn. Daher nannten sie alle das Kind Susi und die Mutter Mrs. Meier. Die meisten Deutschen heißen Meier, nahm man an!
Gerade als Zoé, die Krankenschwester, Susi wieder in ihr Bettchen legen wollte, bewegte sich ihre Mutter. Zoé erstarrte vor Schreck, denn sie knöpfte ihr in dem Moment die Bluse zu.
Maryl öffnete die Augen und schaute verständnislos die für sie fremde Person an, die sich über sie gebeugt hatte. Sie blinzelte und wischte sich langsam über das Gesicht. Ihre Sicht war verschwommen und sie versuchte den Schleier weg zu wischen. Es gelang aber nicht.
„Wo bin ich?“, kam es krächzend aus ihrem Hals. Die Stimmbänder waren wie eingerostet.
Zoé schaute sie verständnislos an. Auf Englisch antwortete sie: „Warten Sie, ich hole den Arzt und dann können wir reden!“ Sie streichelte beruhigend den Arm von Maryl, drehte sich hastig herum und verließ die verdatterte Patientin. Doch kurz darauf kam eine ganze Armada von Schwestern und Ärzten in das Zimmer und alle redeten erst einmal wahllos auf sie ein. Einer versuchte sich gar in einem unverständlichen Deutsch, aber Maryl antwortete auf einwandfreiem Englisch.
„Wo bin ich hier?“ Mehr kam nicht über ihre Lippen.
„ Sie sind in Alice Springs!“, antwortete ruhig der am nächsten stehende Arzt.
„Aber warum bin ich hier?“. Erwartungsvoll schaute sie den Arzt an.
„Sie hatten einen Unfall! Können Sie uns sagen, wie Sie heißen?“ Er nahm sich einen Hocker und setzte sich neben das Bett.
Maryl überlegte. Doch sie erschrak, denn ihr fiel ihr Name nicht ein. Sie kniff die Augen zusammen, aber kein einziger bekannter Name kam ihr in den Sinn.
„Ich weiß es nicht!“, meinte sie ängstlich. „Wieso weiß ich das nicht? Außerdem, was ist denn mit meinen Augen los? Ich sehe alles verschwommen!“ Sie blinzelte wieder und wischte heftig an ihren nun schon roten Augen herum.
Der Professor übernahm das Wort. „Sie hatten mit Sicherheit ein Problem mit den Bufu-Kröten. Wir konnten nicht alles mehr rückgängig machen, die Augen waren zu entzündet und sie kamen spät! Da kann man ihnen aber helfen. Eine gute Brille wird das Schlimmste mildern. Aber haben Sie denn schon ihr Kleines gesehen? Er ging hinüber zu dem Acrylbettchen und hob das strampelnde Würmchen heraus. Seine große weiche Hand strich bedächtig über die kleine, mit blonden Härchen bewachsene Stirn. „Nehmen Sie sie!“
Maryl sah erschrocken auf das Kind neben sich und bewegte sich zuerst nicht. Das sollte ihr Kind sein? Jetzt schon? Sie erinnerte sich an die Schwangerschaft, die sie eigentlich nicht wollte, aber sie wusste nichts von der Geburt.
„Wieso habe ich denn das Kind? Und wie alt ist es denn? Es war doch noch so viel Zeit?“ Sie versuchte sich aufzusetzen und eine der Schwestern half ihr dabei und verstellte das Kopfteil. Langsam und sehr zögernd nahm Mary die Kleine auf. Das Kind begann sofort zu schreien. Es merkte, dass etwas nicht stimmte und der Professor nahm die Kleine wieder von Maryls Bett.
„Machen Sie sich keine Sorgen. Sie sind schon eine ganze Weile ohne Bewusstsein und wir haben das Kind versorgt. Es kennt sie noch nicht. Als Sie hier eingeliefert wurden, war das Kind schon geboren. Können Sie sich an irgendetwas erinnern?
Maryl ließ sich erschöpft in die Kissen fallen. „Ich weiß überhaupt nichts!“
„Wir lassen sie jetzt erst einmal allein!“ Damit verabschiedete sich das Team vorläufig von Maryl. Nur die junge Schwester Zoé nahm die kleine Susi, drückte sie an sich und verließ mit einem Kopfnicken in Richtung des Bettes das Zimmer.
Die Beamte des Jugendamtes wollte sich damit nicht abfinden, umsonst den weiten Weg gekommen zu sein und erwischte Zoé am Arm. „Wir sollten die Kleine trotzdem erst einmal zu einer Pflegefamilie geben, Wer weiß, wann die Mutter in Lage ist, das Kind zu versorgen. Sie weiß ja nicht einmal über sich selbst Bescheid. Der Professor hatte ihr die Lage geschildert und sie war überzeugt, zum Besten des Kindes zu handeln.
„Vergessen Sie es! Das Kind kann die paar Tage noch hier bleiben. Ich denke, dass es besser bei der Mutter aufgehoben ist!“ Es kam sehr rebellisch über ihre Lippen, aber solche Leute konnte sie noch nie leiden. Es war nicht das erste Kind, was sie hier mit einem zynischen Lächeln abgeholt hatte. Die Schwester nahm immer wieder Anteil an den Schicksalen der Frauen, die ihr Kind auf diese Weise verloren. Manche Frauen waren Aborigines und sahen keine andere Perspektive als den Alkohol. Die Kinder hatten so gut wie keine Chance und deswegen kamen schon bei Verdacht sofort in die staatliche Fürsorge und es war schwer, sie da wieder raus zu holen. Zoé hasste diese Situationen. Die verlorenen und verzweifelten Augen der Mütter, die Trauer und sie wusste, dass die Kinder auch in der Fürsorge keine richtige Chance bekamen. Es waren hier zu viele geworden. Sie selbst kam von dort und wusste, was das bedeutete. Diesen kleinen Triumpf wollte sie für sich auskosten, denn alle auf der Station hatten Susi lieb gewonnen. Keiner hatte anfangs nur einen Pfifferling auf das Leben des kleines Mädchens gegeben, aber sie hatte es trotz vieler Niederschläge immer wieder geschafft. Eines Tages, als sie ganz schlimme Reaktionen auf die Medikamente zeigte, schien alles zu Ende zu sein. Der Professor gab die Order, sie in ein separates Zimmer zu legen und sie nicht mehr aus den Augen zu lassen. Er ging davon aus, dass sie die Nacht nicht überleben würde und wollte nicht, dass sie allein einschlief. Zoé war dabei und weinte heimlich in ihr Taschentuch. Susi lag apathisch in ihrem Bettchen und nur das leise Piepsen der Apparate zerriss die unheimliche Stille. Auf einmal aber kam aus dem Bettchen ein kleines Jauchzen. Zoé schien sich verhört zu haben, aber da war es schon wieder. Sie lachte! Susi lachte und hatte die Augen geöffnet.
Zoé rief sofort ihre Kolleginnen herbei und diese glaubten anfangs, dass es nun vorbei wäre. Aber Zoé hielt ihnen das kleine sehr lebendige Bündel vor die Augen und es lachte weiter. Von dieser Zeit an war es das kleine Wunder auf der Kinderstation, obwohl sie dort nicht häufig war..
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ustrarisa: Berlin- Linstower Alltagsspitzen: "Aufgewacht"
ustrarisa, 11:10h
Guten Morgen Berlin, guten Morgen Linstow! Draußen kreischen schon im frühmorgendlichen Streit die Vögel und ihre Rivalen. Man kann ja nicht in Ruhe schnarchen, wenn es permanent röhrt und tschilpt und piept und auch noch kauzt! Hier sind sie - trotz Großstadt und seiner Nachteile (und vieler Vorteile) - alle vertreten. Freches Volk!!! Und vor allem sind die lernfähig und ausgebufft! Bei Freunden von mir saß ich nichtsnutzig einmal oder auch zweimal in der Küche herum und sinnierte vor mich hin. Das Fenster war offen, ein angebissenes Croissant auf einem fremden Teller, leider nicht meines (zum Glück!) und draußen der allübliche Konkurrenzkampf der fliegenden Genossenschaften. Auf einmal flatterte es! Meine Unbeweglichkeit erstarrte noch einmal ein wenig mehr und siehe da: Auf dem Rand des leckeren Croissanttellers stand ein ziemlich aufgeplusterter Angeber, braun gefiedert auf zwei streichholzdünnen Stängeln von Beinchen, guckte mich listig und sehr argwöhnisch an, hüpfte einem Flummi gleich hin un her und pickte im 36er Rundschlag gleich mal ein Viertel des Gebäcks weg, obwohl eigentlich nur 10% in seinen Magen gepasst hätten. Ich saß wie angewurzelt und schaute dem dreisten Treiben gespannt zu. So etwas hatte ich ja noch nie erlebt! Der kleine Wicht traute sich, was ich gern getan hätte!!
Unmöglich, er war mir einfach zuvorzugekommen!
Wenn ich recht überlege, hätte ich auch abbeißen können und dann mit vollem Munde dem diebischen Vogel die Schuld zuschieben können! Verdammt, zu spät!
Dann, ein paar Bissen später, flog Kleine schwankendschwergewichtig wieder raus! Schadete ihm gar nichts, wenn man schließlich so verfressen war, dass man kaum noch fleigen konnte!!!!
Kaum war er fort, ich schaute ihm neidisch und dümmlich nach, saß tatsächlich eine dicke Taube auf dem Fenstersims. Sie wollte doch nicht etwa auch.....? Ähm was? Doch bevor sie sich dreisterweise die Reste schnappen konnte, ging schwungvoll die Tür zur Küche auf und meine Freundschaft kam herein, um die Tat nichtwissend zu vereiteln. Ha, zu früh gefreut, Kollege!Beleidigt zog das dicke Viech ab, aber nur ein paar Meter weiter, auf einen Baum gelandet, dessen Ast gleich ziemlich schwankte und schaute einem grässlichen Spanner gleich immer in die Küche....
20.03.2012
Heute war ich dran mit dem Kinderabholen. Ich habe mich dafür entschieden, denn ich kann nicht in ein Fitnessstudio gehen, um dort sinnloserweise und ohne nützlichem Wert zu trainieren. Also nahm ich mir am vergangenen Abend vor, zuerst mit dem Fahrrad die
8 km runter zu reißen, dann mich um den Kleinsten zu kümmern und am Nachmittag die 2km bis zur Kita zu laufen, umd dann den gleichen Weg wieder zurück zu laufen.
Morgens am Kaffeetisch saß ich dann völlig ohne Motivation für eine Fahrradtour. Ich überlegte mir angestrengt, wie ich mich selbst überlisten könne und keins meiner Argumente konnte mein schlechtes Gewissen, was sich parallel meldete, unterdrücken.
Ich fuhr! ach was, ich strampelte verzweifelt gegen die Uhr an, meine Zunge hatte schon fast Bodenkontakt und ich war immer noch zehn Minuten entfernt. Doch auch die anstrengendste Zeit geht einmal vorbei.
Frisch wie nach einen ungeübten Maraton stand ich im Lift. Die Treppe hätte ich wahrscheinlich nicht mehr geschafft!
Der Vormittag verging und langsam auch meine krebsige Röte vom Gesicht. Das Rot war sicher gut für den Teint, hoffte ich.
Am Nachmittag stand ich vor dem gleichen Problem der Motivation. Nun lagen nur 2km vor mir, die ich laufen musste und das mit einen Beutel vpr dien Bauch geschnallt mit einem Kind darin. Ehe ich den Kleinen (10kg) überhaupt in die knifflige Konstruktion buchsiert hatte, dauerte es eine fluchende Weile. Beim Verriegeln der Schnallen musste ich feststellen. dass ich um ein Vielfaches dicker war, als seine Mama. Das auch noch! Es ließ jedoch meine Überlegungen verstummen, doch noch das Auto zu nehmen, zumindest morgen. Verdammt!
Die ersten dünfzig Meter konnte ich nur noch daran denken, dass noch 1950 m folgen würden und es ermutigte mich keineswegs. Der Zeitdruck ließ jedoch keine weiteren Gedanken zu der Strecke zu. Ich lief und irgendwann kam ich auch am Ziel an. Der Kleine hielt sich erstaunlich gut, wo er doch keinen großen Ausblick hatte. Er gab sich mit grunzenden Lauten zufrieden.
Unmöglich, er war mir einfach zuvorzugekommen!
Wenn ich recht überlege, hätte ich auch abbeißen können und dann mit vollem Munde dem diebischen Vogel die Schuld zuschieben können! Verdammt, zu spät!
Dann, ein paar Bissen später, flog Kleine schwankendschwergewichtig wieder raus! Schadete ihm gar nichts, wenn man schließlich so verfressen war, dass man kaum noch fleigen konnte!!!!
Kaum war er fort, ich schaute ihm neidisch und dümmlich nach, saß tatsächlich eine dicke Taube auf dem Fenstersims. Sie wollte doch nicht etwa auch.....? Ähm was? Doch bevor sie sich dreisterweise die Reste schnappen konnte, ging schwungvoll die Tür zur Küche auf und meine Freundschaft kam herein, um die Tat nichtwissend zu vereiteln. Ha, zu früh gefreut, Kollege!Beleidigt zog das dicke Viech ab, aber nur ein paar Meter weiter, auf einen Baum gelandet, dessen Ast gleich ziemlich schwankte und schaute einem grässlichen Spanner gleich immer in die Küche....
20.03.2012
Heute war ich dran mit dem Kinderabholen. Ich habe mich dafür entschieden, denn ich kann nicht in ein Fitnessstudio gehen, um dort sinnloserweise und ohne nützlichem Wert zu trainieren. Also nahm ich mir am vergangenen Abend vor, zuerst mit dem Fahrrad die
8 km runter zu reißen, dann mich um den Kleinsten zu kümmern und am Nachmittag die 2km bis zur Kita zu laufen, umd dann den gleichen Weg wieder zurück zu laufen.
Morgens am Kaffeetisch saß ich dann völlig ohne Motivation für eine Fahrradtour. Ich überlegte mir angestrengt, wie ich mich selbst überlisten könne und keins meiner Argumente konnte mein schlechtes Gewissen, was sich parallel meldete, unterdrücken.
Ich fuhr! ach was, ich strampelte verzweifelt gegen die Uhr an, meine Zunge hatte schon fast Bodenkontakt und ich war immer noch zehn Minuten entfernt. Doch auch die anstrengendste Zeit geht einmal vorbei.
Frisch wie nach einen ungeübten Maraton stand ich im Lift. Die Treppe hätte ich wahrscheinlich nicht mehr geschafft!
Der Vormittag verging und langsam auch meine krebsige Röte vom Gesicht. Das Rot war sicher gut für den Teint, hoffte ich.
Am Nachmittag stand ich vor dem gleichen Problem der Motivation. Nun lagen nur 2km vor mir, die ich laufen musste und das mit einen Beutel vpr dien Bauch geschnallt mit einem Kind darin. Ehe ich den Kleinen (10kg) überhaupt in die knifflige Konstruktion buchsiert hatte, dauerte es eine fluchende Weile. Beim Verriegeln der Schnallen musste ich feststellen. dass ich um ein Vielfaches dicker war, als seine Mama. Das auch noch! Es ließ jedoch meine Überlegungen verstummen, doch noch das Auto zu nehmen, zumindest morgen. Verdammt!
Die ersten dünfzig Meter konnte ich nur noch daran denken, dass noch 1950 m folgen würden und es ermutigte mich keineswegs. Der Zeitdruck ließ jedoch keine weiteren Gedanken zu der Strecke zu. Ich lief und irgendwann kam ich auch am Ziel an. Der Kleine hielt sich erstaunlich gut, wo er doch keinen großen Ausblick hatte. Er gab sich mit grunzenden Lauten zufrieden.
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Sonntag, 18. März 2012
ustrarisa: Berlin - Linstow
ustrarisa, 12:09h
Der zweite wirklich schöne Tag in diesem Jahr und schon ist er wieder vorbei! Berlin liegt 167 km entfernt hinter mir für ein Wochenende lang.
Ich tausche seit einem Jahr von Wochenende zu Woche mein Leben, von Provinz zur Großstadt. Ich kann mich nie entscheiden, wo es eigentlich besser ist, denn beides hat große Vorzüge.
Ich hab so viele Baustellen, ich könnte eigentlich meine vorgeplante Lebenszeit drei Mal leben, wenn ich alles verwirklichen will.
Neben mir nießt kreischend ein Vorruheständler und ich erschrecke wie immer, werde wütend und kann es doch nicht ändern!
Vor der Terrassentür steht sabbernd ein schwarzes Tier und versucht einen Blick in das Innere Des Zimmers zu erlangen. Auch er hat das Nießen nicht überhören können. Er wedelt mit dem Schwanz und hofft, dass ihn jemand aus seinem Stand des Hofhundes befreit. Ich jedenfalls heute nicht! In mir würmeln viele leckere Spaghettis mit einer zu guten Champignonsahnesoße, natürlich von mir kreiert! Ein gutes Mittel, um sämtliche Diäten zu vergessen.
Der superfette Kater Flummi, der scheinbar von nur Sahne lebt, steht kreischend vor der Tür und will sich sicherlich neben mich leben, um mir in meine Nase zu furzen. Abends legt er sich weich und flauschig und sehr shcwer neben mich, hebt leicht den geringelten Waschbärenschwanz und entlässt einen furchtbaren Gestank. Nur meine abendliche Bequemlichkeit hält mich davon ab, jedes Mal überstürzt den warmen Couchplatz zu verlassen. Dabei schaut er mich so gleichgültig wie möglich an. Manchmal muss er dann gehen, unsanft, mit einem Tritt. Beleidigt und mit dem hintern wackelnd zieht er von dannen, um sich beim Vorruheständler zu beschweren, der ihn herzlich gern tröstet. Dieser Gute steht ja auch anchts auf, um dem armen Kater Futter zu verschaffen, obwohl er Jahre zuvor Katzen nur vom Wegggehen mochte.
"Eine Katze kommt mir nicht ins Haus!" Das zur Konsequenz!
Morgen, ja morgen werden ich weiter an SUSI MEIER schreiben. Einen Auszug habe ich am 17.März veröffentlicht, den Beginn einer wahren Erzählung.
18.03.2003
Heute, Sonntag und überall Licht, Licht Licht! Wie Gott wohl das im Frühling meinte:"Es werde Licht!" und es ward Licht. Jedenfalls kommt es mir so vor!
Mein Traum war jeden falls auch sehr lichtdurchflutet, aber erschreckend.
Ich befand mich in einer sehr hellen Stadt, in einer Art Schule. Um mich herum lauter bildschöne junge Mädchen, so, als hätte man ein Casting für eine Miss-Wahl oder Supermodel veranstaltet hätte. Mein eigenes Alter war eher undefinierbar, aber ich saß zwischen zwei schönen jungen Mädchen, meinen eigenen Töchtern und war dennoch nicht ihre Mutter. Es war anscheinend eine Schule für eine Art ausbildung, in der man sich versammelt hatte.
Alle waren neu hinzugekommen in dieses Gebäude. Eine schaltete den überdimensionalen Fernseher an und die Nachrichten liefen. Plötzlich eine Zwischenmeldung!
Eine gepflegte Enddreißigerin mit blondem, streng nach hinten gebundenem Haar und energischem Blick verkündete, dass dieses Land nun schon erobert sei. Es gäbe zu viele Menschen auf dem Planeten und nun kämen sie, um das zu ändern. Die Population sollte auf 5% der jetzigen Bevölkerung reduziert werden. Alle erstarrten bei dieser Aussage, aber keiner zweifelte daran. Man wusste nicht, wo diejenigen waren, die das verwirklichen sollten und wollten und langsam griff eine leise Panik um sich. Ich selbst konnte es nicht fassen und überlegte, wie ich mich vor der Ausrottung schützen sollte. Ich beschaffte mir eine Flasche mit einer giftigen Substanz, mit der ich mich vor einem eventuellen persönlichen Angriff wehren könnte. Aber ich zweifelte trotz meines Vorhabens daran, dies auch wirklich umsetzen zu können. Auf einem großen Marktplatz versammelt, im gleißendem ,standen sie alle, die jungen Mädchen in heller Kleidung und ich mitten darunter. Wir wurden umzingelt von den "Anderen"und in Blocks aufgeteilt. Keiner wagte unverständlicherweise einen Widerspruch, aber ein leises Klagen verspürte man um sich herum. Es hüllte einen förmlich wie in ein zartes Spinnennetz ein, lähmend, und das Ensetzen schwoll fast greifbar an. Meine Töchter, die unterschiedlicher gar nicht sein könnten vom Aussehen, fingen auf einmal an mehrstimmig zu singen und ich versuchte mitzusingen. Leider kannte ich nicht die gesamte Melodie und es klang ziemlich merkwürdig. Die beiden drehten sich um und mein kleinste und dritte Tochter meinte, die bislang noch nicht zu sehen war, ob ich das nicht lieber lassen wolle. Ich verstummte ein wenig beleidigt und verzweifelt. Aber sie zogen die Aufmerksamkeit dieser neuen, leisen und dennoch unabwehrbaren Obrigkeit auf sich. Die Selektion war schon bei uns angekommen.
"Nehmt den Zettel!" "B" stand darauf, nichts weiter. Man wurde abgeführt wie eine Herde Schafe, aber in militärischer Manier. Ich sah staunend zu, wie Kolonnen von Menschen in verschiedene Richtungen geführt wurden, willenlos und ruhig. Der Grad des Unheimlichen stieg weiter an. Auf riesigen Bildschirmen wurde schon entvölkerte Städte dargestellt. Öde Stadtlandschaften mit langen Straßenfluren, völlig menschenleer, war zu sehen. Es hatte nichts Schönes an sich, es war einfach nur bedrohlich. Niemanden war klar, warum man dies zeigte, vielleicht lag darin ein Zynismus der Eroberer um eine begründete Zesetzung des Widerstandes von vornherein zu gewährleisten. Alles sollte so friedlich wie möglich ablaufen, zum Schutz der Erde. Man hatte das einzusehen!
Auf einmal wurden meine Töchter und ich zur Seite gedrängt und in eine ganz andere Laufrichtung gezwungen. Jemand sagte uns, dass wir davon kommen würden. Man hätte sich entschieden, dass Unterhaltung in der "Neuen Welt" vonnöten wäre. Eine Erleichterung erfasste uns, aber angesichts der vielen Menschen, mit denen wir verbunden waren, war das nur ein schales Vergnügen, davongekommen zu sein. Da die eigene Sorge um das Leben vorbei war, war ich voller Angst um die anderen Menschen, die ich liebte. Ein Teil der Familie war gerettet, aber was war mit den anderen?
Ich konnte aber nichts machen, ich schaute nur zu und die Verwzeiflung sprang mich an wie ein wildes, nicht zu bezwingendes Tier. Ich fing an zu weinen und hoffte, dass dies nur ein Traum sei. Doch es sah nicht so aus.
In einer extra für die neue Zeit angelegten Stadt waren wiederum riesige Bildschirme aufgestellt und man konnte den Exekutionen leibhaftig zuschauen, damit man sich bewusst war, kein eigenbestimmtes Leben mehr führen zu können. Man sollte dem Doktrin angepasst funktioneren und wollte man das nicht, würde einem das gleiche Schicksal ereilen, wie den verlorenen Menschen auf den Bildschirmen.
Man sah auf einmal einen sehr hohen Bootssteg, nur eine Bauart davon, obwohl kein Wasser in der Nähe war. Auf diesen wurden die Mädchen geführt. Bei dieser Welt handelte es sich vornehmlich nur um Frauen, es waren kaum Männer zu sehen, aber sie waren da. Sie mussten in schwindelnder Höhe bis zu einem Riesenrad laufen, in dieses einsteigen. Es war aber kein gewöhnliches Riesenrad, die Kabinen hingen nicht an dem Stahlgerüst, sie waren starr vebunden und gaben bei einer Drehbewegung nicht nach. Das führte unweigerlich dazu, dass bei Kreisbewegungen alle herausfielen, die nicht mehr unten beim Einsteigen waren. Das war der eigentliche Zweck der Aktion. Sie sollten alle in den Tod stürzen. Die Mädchen weinten auf dem Laufsteg, denn man konnte gar nicht umhin, die Stürze zu sehen. Man sah ihnen die Angst an und es nützte ihnen nichts, sie mussten einsteigen und sie taten es. Sie drehten sich flehentlich um und versuchten die Treibenden zu bitten, sie nicht einsteigen zu lassen. Man lächelte, aber stieß sie weiter nach vorn.
Damit war der Traum glücklicherweise beendet. Holocaust der Moderne!!!! Schrecklich!
Ich habe gerade mal wieder den Film "Der Pianist" gesehen, daher wahrscheinlich die Umdeutung im Traum!
Ich tausche seit einem Jahr von Wochenende zu Woche mein Leben, von Provinz zur Großstadt. Ich kann mich nie entscheiden, wo es eigentlich besser ist, denn beides hat große Vorzüge.
Ich hab so viele Baustellen, ich könnte eigentlich meine vorgeplante Lebenszeit drei Mal leben, wenn ich alles verwirklichen will.
Neben mir nießt kreischend ein Vorruheständler und ich erschrecke wie immer, werde wütend und kann es doch nicht ändern!
Vor der Terrassentür steht sabbernd ein schwarzes Tier und versucht einen Blick in das Innere Des Zimmers zu erlangen. Auch er hat das Nießen nicht überhören können. Er wedelt mit dem Schwanz und hofft, dass ihn jemand aus seinem Stand des Hofhundes befreit. Ich jedenfalls heute nicht! In mir würmeln viele leckere Spaghettis mit einer zu guten Champignonsahnesoße, natürlich von mir kreiert! Ein gutes Mittel, um sämtliche Diäten zu vergessen.
Der superfette Kater Flummi, der scheinbar von nur Sahne lebt, steht kreischend vor der Tür und will sich sicherlich neben mich leben, um mir in meine Nase zu furzen. Abends legt er sich weich und flauschig und sehr shcwer neben mich, hebt leicht den geringelten Waschbärenschwanz und entlässt einen furchtbaren Gestank. Nur meine abendliche Bequemlichkeit hält mich davon ab, jedes Mal überstürzt den warmen Couchplatz zu verlassen. Dabei schaut er mich so gleichgültig wie möglich an. Manchmal muss er dann gehen, unsanft, mit einem Tritt. Beleidigt und mit dem hintern wackelnd zieht er von dannen, um sich beim Vorruheständler zu beschweren, der ihn herzlich gern tröstet. Dieser Gute steht ja auch anchts auf, um dem armen Kater Futter zu verschaffen, obwohl er Jahre zuvor Katzen nur vom Wegggehen mochte.
"Eine Katze kommt mir nicht ins Haus!" Das zur Konsequenz!
Morgen, ja morgen werden ich weiter an SUSI MEIER schreiben. Einen Auszug habe ich am 17.März veröffentlicht, den Beginn einer wahren Erzählung.
18.03.2003
Heute, Sonntag und überall Licht, Licht Licht! Wie Gott wohl das im Frühling meinte:"Es werde Licht!" und es ward Licht. Jedenfalls kommt es mir so vor!
Mein Traum war jeden falls auch sehr lichtdurchflutet, aber erschreckend.
Ich befand mich in einer sehr hellen Stadt, in einer Art Schule. Um mich herum lauter bildschöne junge Mädchen, so, als hätte man ein Casting für eine Miss-Wahl oder Supermodel veranstaltet hätte. Mein eigenes Alter war eher undefinierbar, aber ich saß zwischen zwei schönen jungen Mädchen, meinen eigenen Töchtern und war dennoch nicht ihre Mutter. Es war anscheinend eine Schule für eine Art ausbildung, in der man sich versammelt hatte.
Alle waren neu hinzugekommen in dieses Gebäude. Eine schaltete den überdimensionalen Fernseher an und die Nachrichten liefen. Plötzlich eine Zwischenmeldung!
Eine gepflegte Enddreißigerin mit blondem, streng nach hinten gebundenem Haar und energischem Blick verkündete, dass dieses Land nun schon erobert sei. Es gäbe zu viele Menschen auf dem Planeten und nun kämen sie, um das zu ändern. Die Population sollte auf 5% der jetzigen Bevölkerung reduziert werden. Alle erstarrten bei dieser Aussage, aber keiner zweifelte daran. Man wusste nicht, wo diejenigen waren, die das verwirklichen sollten und wollten und langsam griff eine leise Panik um sich. Ich selbst konnte es nicht fassen und überlegte, wie ich mich vor der Ausrottung schützen sollte. Ich beschaffte mir eine Flasche mit einer giftigen Substanz, mit der ich mich vor einem eventuellen persönlichen Angriff wehren könnte. Aber ich zweifelte trotz meines Vorhabens daran, dies auch wirklich umsetzen zu können. Auf einem großen Marktplatz versammelt, im gleißendem ,standen sie alle, die jungen Mädchen in heller Kleidung und ich mitten darunter. Wir wurden umzingelt von den "Anderen"und in Blocks aufgeteilt. Keiner wagte unverständlicherweise einen Widerspruch, aber ein leises Klagen verspürte man um sich herum. Es hüllte einen förmlich wie in ein zartes Spinnennetz ein, lähmend, und das Ensetzen schwoll fast greifbar an. Meine Töchter, die unterschiedlicher gar nicht sein könnten vom Aussehen, fingen auf einmal an mehrstimmig zu singen und ich versuchte mitzusingen. Leider kannte ich nicht die gesamte Melodie und es klang ziemlich merkwürdig. Die beiden drehten sich um und mein kleinste und dritte Tochter meinte, die bislang noch nicht zu sehen war, ob ich das nicht lieber lassen wolle. Ich verstummte ein wenig beleidigt und verzweifelt. Aber sie zogen die Aufmerksamkeit dieser neuen, leisen und dennoch unabwehrbaren Obrigkeit auf sich. Die Selektion war schon bei uns angekommen.
"Nehmt den Zettel!" "B" stand darauf, nichts weiter. Man wurde abgeführt wie eine Herde Schafe, aber in militärischer Manier. Ich sah staunend zu, wie Kolonnen von Menschen in verschiedene Richtungen geführt wurden, willenlos und ruhig. Der Grad des Unheimlichen stieg weiter an. Auf riesigen Bildschirmen wurde schon entvölkerte Städte dargestellt. Öde Stadtlandschaften mit langen Straßenfluren, völlig menschenleer, war zu sehen. Es hatte nichts Schönes an sich, es war einfach nur bedrohlich. Niemanden war klar, warum man dies zeigte, vielleicht lag darin ein Zynismus der Eroberer um eine begründete Zesetzung des Widerstandes von vornherein zu gewährleisten. Alles sollte so friedlich wie möglich ablaufen, zum Schutz der Erde. Man hatte das einzusehen!
Auf einmal wurden meine Töchter und ich zur Seite gedrängt und in eine ganz andere Laufrichtung gezwungen. Jemand sagte uns, dass wir davon kommen würden. Man hätte sich entschieden, dass Unterhaltung in der "Neuen Welt" vonnöten wäre. Eine Erleichterung erfasste uns, aber angesichts der vielen Menschen, mit denen wir verbunden waren, war das nur ein schales Vergnügen, davongekommen zu sein. Da die eigene Sorge um das Leben vorbei war, war ich voller Angst um die anderen Menschen, die ich liebte. Ein Teil der Familie war gerettet, aber was war mit den anderen?
Ich konnte aber nichts machen, ich schaute nur zu und die Verwzeiflung sprang mich an wie ein wildes, nicht zu bezwingendes Tier. Ich fing an zu weinen und hoffte, dass dies nur ein Traum sei. Doch es sah nicht so aus.
In einer extra für die neue Zeit angelegten Stadt waren wiederum riesige Bildschirme aufgestellt und man konnte den Exekutionen leibhaftig zuschauen, damit man sich bewusst war, kein eigenbestimmtes Leben mehr führen zu können. Man sollte dem Doktrin angepasst funktioneren und wollte man das nicht, würde einem das gleiche Schicksal ereilen, wie den verlorenen Menschen auf den Bildschirmen.
Man sah auf einmal einen sehr hohen Bootssteg, nur eine Bauart davon, obwohl kein Wasser in der Nähe war. Auf diesen wurden die Mädchen geführt. Bei dieser Welt handelte es sich vornehmlich nur um Frauen, es waren kaum Männer zu sehen, aber sie waren da. Sie mussten in schwindelnder Höhe bis zu einem Riesenrad laufen, in dieses einsteigen. Es war aber kein gewöhnliches Riesenrad, die Kabinen hingen nicht an dem Stahlgerüst, sie waren starr vebunden und gaben bei einer Drehbewegung nicht nach. Das führte unweigerlich dazu, dass bei Kreisbewegungen alle herausfielen, die nicht mehr unten beim Einsteigen waren. Das war der eigentliche Zweck der Aktion. Sie sollten alle in den Tod stürzen. Die Mädchen weinten auf dem Laufsteg, denn man konnte gar nicht umhin, die Stürze zu sehen. Man sah ihnen die Angst an und es nützte ihnen nichts, sie mussten einsteigen und sie taten es. Sie drehten sich flehentlich um und versuchten die Treibenden zu bitten, sie nicht einsteigen zu lassen. Man lächelte, aber stieß sie weiter nach vorn.
Damit war der Traum glücklicherweise beendet. Holocaust der Moderne!!!! Schrecklich!
Ich habe gerade mal wieder den Film "Der Pianist" gesehen, daher wahrscheinlich die Umdeutung im Traum!
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Freitag, 16. März 2012
ustrarisa: "Susi Meier"
ustrarisa, 00:08h
Sechs Jahre zurück, Australien.
Eine junge Frau fährt hektisch auf der staubigen Landstraße, fast, als wäre sie betrunken. Die Sonne war kaum noch am Horizont zu sehen und zum ersten Mal seit Jahren regnete es. Nicht ein normaler Regen, es schüttete förmlich aus Eimern und die Sicht wurde immer schlechter, das Schlingern des Autos nahm bedrohliche Ausmaße an. Die junge Frau versuchte den kleinen Wagen wieder in den Griff zu bekommen, denn ein Unfall wäre zu dieser Zeit in der Abgeschiedenheit wahrscheinlich ihr Todesurteil gewesen. Kaum einer kannte diese Strecke. Sie war vor vielen Jahrzehnten von einem reichen Farmbesitzer auf seinem Land gebaut worden. Viele Jahre ohne Pflege hinterließen ihre Spuren und bei diesem Regen verwandelte sich der Staub zu Schlamm.
Wie sollte sie unter diesen Umständen noch rechtzeitig zu einem Arzt gelangen? Jede Minute zählte und sie konnte kaum noch etwas erkennen. Nicht die Dunkelheit nahm ihr die Sicht, sondern ihre Augen reagierten immer stärker auf das Gift. Vor einer halben Stunde hatte sie versucht, einer der vielen Bufukröten, die das Land überschwemmten, vor Wut mit einem Hammer zu erschlagen. Die verdammten Viecher machten vor nichts Halt, sie fraßen an Kleingetier, was ihnen über den Weg lief und hatten auch vor den kleinen Kaninchenjungen im Freilaufgehege keinen Halt gemacht. Als Maryl sah, dass ihre mit der Flasche aufgezogenen weißen Kaninchenbabies samt und sämtlich tot waren, wollte das Problem hier und jetzt beseitigen. Sie ergriff den Hammer und schlug auf die dickste Kröte ein, die sie am Bein erwischen konnte. Doch die drehte sich blitzschnell herum und konnte ihr gezielt aus einer ihrer Drüsen Gift direkt in die Augen sprühen. Sie ließ sofort von der Kröte ab, die daraufhin die Flucht ergriff. Erschrocken überlegte sie, was sie jetzt allein auf der Farm tun konnte. Das Telefon ging nicht, sie musste sofort zu einem Arzt. Also rannte sie zu ihrem alten Jeep, von dem sie nicht wusste, ob er die Fahrt bis zur nächsten Stadt durchstehen würde, aber ihr blieb keine Wahl. Wenn sie nicht sofort losfahren würde, hätte sie überhaupt keine Chance mehr, ihr Augenlicht zu behalten. Der Wagen rumpelte über die Straße und sie gab Gas. Ihre Sicht war wie durch eine Milchglasscheibe getrübt und es wurde immer schlechter, dennoch konnte sie die Straße noch einigermaßen erkennen. Sie raste, hinter ihr stiegen die Staubwolken hoch. Doch von Minute zu Minute verschlechterte sich die Sicht und es wurde dunkler. Der Abend brach herein und der dringend benötigte Regen sorgte zusätzlich für eine noch schlechtere Sicht. Auf einmal krachte es fürchterlich und danach hörte man nur noch ein Zischen, welches die plötzlich entstandene Stille wie ein Messer zerschnitt. Kein Tier und sonstige Geräusche waren ansonsten zu hören als hätten sie sich gleichsam erschrocken.
Maryl überlegte, bevor es um sie dunkel wurde, wie weit sie wohl gekommen war und ob jemand vielleicht in einem wahnwitzigen Zufall den Unfall gesehen haben könnte. Sie wusste doch, dass das wohl aussichtslos war. Sie wollte sich aufrappeln, aber ein heftiger Schmerz hinderte sie. Ihre verzweifelten Überlegungen verblassten langsam und eine friedliche Stille fing an sie zu umgeben. Sie entspannte sich während sie ohnmächtig wurde.
"Paul, wir müssen sofort aussteigen, mach schon!" Konstanze rüttelte ihrem regungslosen Mann unsanft. Dieser schüttelte den Kopf und schien in die Realität zurückzukehren. Der Aufprall den Autos auf ihren Wohnwagen war heftig gewesen und die Tür war anscheinend verbeult. Es war schwierig, sie wieder aufzubekommen. Paul trat mit einem heftigen Ruck dagegen und sie sprang auf. Konstanze und Paul sahen die Bescherung in der Dunkelheit schlecht.
"Konstanze, hol die Taschenlampe aus dem Wohnwagen!" Sein Tonfall drückte Besorgnis aus und er drängte auf Eile.
"Es ist eine junge Frau im Auto und sie bewegt sich nicht!" Er stieg aus, warf einen Blick durch die gesplitterte Seitentür und rüttelte am Griff. Trotz des Aufpralls ließ sie sich doch widerwillig öffnen. Gott sei Dank! Die Fahrerin zeigte keinerlei Reaktionen. Paul zog sie vom Fahrersitz und sie stöhnte im gleichen Augenblick, schien trotzdem nicht bei Bewusstsein zu sein.
"Konstanze, fass mal mit an, nimm ihre Beine!" Seine Frau stand hinter ihm, bereit, sofort zu helfen. Sie sah klein und wie gebadet aus. Der kurze Aufenthalt im Regen ließ sie wie gebadet aussehen.
"Paul, sie ist ja schwanger, schrie sie erschrocken auf und als sie das feststellte, sickerte der jungen Frau im Wrack zwischen den Beinen das Wasser hervor.
"Mein Gott, die Fruchtblase ist geplatzt!", jammerte sie in einem etwas hilflos klingenden Ton.
"Was machen wir denn jetzt? Wir müssen sie sofort in ein Hospital schaffen!"
"Dazu bleibt keine Zeit mehr!", kam es etwas gequetscht von Paul, denn mit geübten und sicherem Griff bettete er die Frau auf die Decke, die Konstanze schnell noch unter das Vordach des Wohnwagens legen konnte. Das Zelt hielt die Wassermassen kaum noch ab und sie entschlossen sich, trotz der Schwierigkeiten, Maryl in den Wohnwagen zu tragen. Die Eingangstür war ziemlich schmal und war nicht für solche Situationen geschaffen. Sie schafften es nach einer scheinbar endlos langen Zeit Hin- und Herprobierens. Kaum lag die Schwangere auf dem Bett, als die Wehen heftig begannen und wahrscheinlich nicht aufzuhalten waren.
"Du musst mir helfen! Hol irgendwie warmes Wasser!" Paul schien keinen Widerspruch zu dulden.
"Wir können sie doch hier nicht entbinden, was ist, wenn etwas passiert?" Konstanze war gar nicht erbaut über die Tatsache, dass sie die Situation selbst in die Hand nehmen wollten.
" Konny, wir haben keine andere Wahl. Bei dem Regen kommen wir nicht zum nächsten Ort, ohne im Schlamm zu versinken. Wir müssen den Morgen abwarten und auf Hilfe hoffen. Vielleicht funktioniert dann das GPS wieder. Und jetzt hilf mir endlich!
Konstanze konnte sich kaum dazu aufraffen. Sie selbst konnte keine Kinder bekommen und sollte hier bei einer Entbindung helfen. Der Schmerz um ihren Verlust riss sofort wieder ihre Geschichte auf. Sie war so oft schwanger gewesen und nie konnte sie die Kinder bis zur Lebensreife austragen. Makaber war nur, dass selbst Pauls Beruf, ein recht gut bestallter Chirurg, ihr keine Hilfe bringen konnte. Ein genetischer Defekt würde immer wieder das gleiche Problem hervorbringen. Sie hatten sich beide entschieden, das Thema endgültig zu begraben. Man konnte nicht alles haben. Paul wusste, wie sehr sie ein Kind brauchte und auch er hätte gern nicht nur eines gehabt.
In diesem Moment blieb aber keine Zeit für solche Gedanken, es war große Eile geboten, sollte bei der Entbindung nicht alles schief gehen. Er hatte keine Ahnung, ob sie sich bei dem Aufprall innere Verletzungen zugezogen hatte. Das Kind ließ kein Zögern zu, der Kopf war mit einem kurz Ruck durchgetreten und einen Augenblick später lang das ziemlich kleine Bündel schreiender Mensch auf dem Bett. Er durchtrennte schnell die Nabelschnur mit einer Schere und nachdem das geschehen war, setzten weitere Wehen ein.
"Uij, das geht aber schnell!" Paul war erstaunt über die sofort einsetzenden Nachwehen. Konstanze nahm zitternd den schreienden Säugling liebevoll in eine Decke gewickelt auf den Arm.
" Paul, ein kleines Mädchen!" Sie weinte bei dem Anblick. Sie hatte sich immer schon ein Mädchen gewünscht und nun hielt sie eines im Arm. Sie hätte es am liebsten behalten
"Das Kind ist ein wenig zu klein, wir müssen sie gut einwickeln, damit sie keine Wärme verliert. Nimm zwei leere Wasserflaschen und füll sie mit heißem Wasser. Die wickelst du in ein Handtuch und legst sie neben die Kleine!"
"Kann ich es nicht noch ein bisschen auf dem Arm halten?" Sehnsüchtig hing ihr Blick auf dem winzigen zerknautschtem Kindergesicht."
"Nein, sie braucht zusätzlich Wärme, du reichst nicht!"
Wie immer, sie war nicht ausreichend für ein Kind!. sie legte das Bündel auf das Bett und machte sich daran, die Flaschen herzurichten als Paul rief:
"Es sind keine Nachwehen, es kommt noch eins!"
Abrupt drehte sich Konstanze um und traute ihren Augen kaum. Tatsächlich war ein zweites Köpfchen sichtbar und kurz darauf war schon das Kind geboren. Konstanze nahm hektisch den kleinen Jungen auf. Er hatte kaum Haare auf dem Kopf, nicht so wie seine Schwester, die eine dunkle Mähne mitbekommen hatte.
"Schau doch mal, ob sie eine Handtasche mit Papieren in ihrem Auto hat. Vielleicht gibt es sowas wie einen Mutterpass. Das muss doch bekannt sein, dass sie Zwillinge bekommen soll oder ob sie eine Risikoschwangere ist. Vielleicht finden wir eine Adresse oder anderen Daten, denn einen Arzt muss es doch geben!" Paul schaute hoch, kleine Schweißperlen hatten sich auf seiner Stirn gebildet und er war sehr angestrengt.
"Bei Zwillingen muss man aufpassen, sie sind meist noch nicht ausgereift und ich weiß nicht, wie alt die Beiden sind! Mensch, wenn die das unter diesen Umständen nicht schaffen?!" So eine Situation wünscht sich kein Arzt, denn unter Umständen könnte er für Fehler haftbar gemacht werden.
Konstanze beeilte sich, um bei der Dunkelheit in dem unbekannten Auto etwas zu finden. Aber es waren keinerlei Taschen oder ähnliches zu finden und es schien so, als wäre sie übereilt davongefahren. Nicht mal ein Telefon hatte sie in dieser Einöde dabei, was ziemlich gefährlich sein musste. Jeder der Farmer in Australien hatte in der menschenleeren Gegend ein GPS Telefon. Meilenweit gab es keine Hilfe und man musste hier gut gewappnet sein, um einen Unfall für einige Zeit zu überstehen.
"Paul, ich kann nichts finden!"
"Dafür habe ich eine neue Nachricht für dich, denn es gibt ein drittes Kind!" Paul war selbst erstaunt über dieses Wunder und hielt verdattert einen weiteren, ziemlich kleinen und dürren kläglich schreienden Säugling in seinem Arm.
"Waaas, drei Kinder?" Sie riss die Augen auf und war wie erstarrt.
"Wir müssen etwas tun, wir können doch nicht die ganze Nacht mit drei Säuglingen hierbleiben. Sie müssen sofort etwas trinken! Paul, mach doch was!" Ihre Stimme wurde schrill und ängstlich. Sie sorgte sich um die Kleinen, denn sie sollten überleben!
Paul untersuchte kurz die Frau und schaute danach auf.
"Ich muss versuchen, sie an die Brust zu legen, vielleicht klappt es ja!" Er drehte sich wieder um, öffnete die Bluse der jungen Frau und probierte, das letzte Kind sofort anzulegen. Es war gar nicht schwierig, die Kleine schien darauf nur gewartet zu haben und saugte schmatzend und gierig.
In dem Moment öffnete Maryl die Augen und stöhnte ein wenig. Sie schien Schmerzen zu haben.
Paul schaute sie an und suchte nach ihrem Blick.
"Können sie mich hören?" Er versuchte mit seinem schlechten Englisch ihr etwas zu sagen. Sprachen waren noch nie sein Ding gewesen, dafür redete Konstanze in mehreren Sprachen gut genug, um als Einheimische zu gelten.
"What happens? I´m German"
Maryl schien nicht zu verstehen. Darauf versuchte Konstanze ihr Glück und sprach mit einem flüssigen Englisch langsam auf die abwesend wirkende junge Frau ein.
Sie war ganz aufgeregt und sprach schnell auf sie ein, denn sie schien scheinbar gar nicht auf die Ansprache zu reagieren, im Gegenteil, sie fing an zu jammern.
" Mein Kind, was ist mit meinem Kind?"
Konstanzes Augen weiteten sich ungläubig.
"Paul, sie ist eine Deutsche! Hast du verstanden, sie ist eine Deutsche!" Sie nahm sofort die Hand von Maryl und tätschelte sie. Doch diese schien schon wieder das Bewusstsein zu verlieren. Mit scheinbar verschwindenden Kräften stöhnte sie:
"Mein Baby, wieso ist mein Baby schon da?" Sie schaute ungläubig das kleine Mädchen an ihrer Brust an und tastete nach ihr. Doch ihre Augen blieben immer auf eine Richtung geheftet, so, als ob sie nichts sah. Merkwürdig!
"Es kann doch noch nicht da sein“!
Eine junge Frau fährt hektisch auf der staubigen Landstraße, fast, als wäre sie betrunken. Die Sonne war kaum noch am Horizont zu sehen und zum ersten Mal seit Jahren regnete es. Nicht ein normaler Regen, es schüttete förmlich aus Eimern und die Sicht wurde immer schlechter, das Schlingern des Autos nahm bedrohliche Ausmaße an. Die junge Frau versuchte den kleinen Wagen wieder in den Griff zu bekommen, denn ein Unfall wäre zu dieser Zeit in der Abgeschiedenheit wahrscheinlich ihr Todesurteil gewesen. Kaum einer kannte diese Strecke. Sie war vor vielen Jahrzehnten von einem reichen Farmbesitzer auf seinem Land gebaut worden. Viele Jahre ohne Pflege hinterließen ihre Spuren und bei diesem Regen verwandelte sich der Staub zu Schlamm.
Wie sollte sie unter diesen Umständen noch rechtzeitig zu einem Arzt gelangen? Jede Minute zählte und sie konnte kaum noch etwas erkennen. Nicht die Dunkelheit nahm ihr die Sicht, sondern ihre Augen reagierten immer stärker auf das Gift. Vor einer halben Stunde hatte sie versucht, einer der vielen Bufukröten, die das Land überschwemmten, vor Wut mit einem Hammer zu erschlagen. Die verdammten Viecher machten vor nichts Halt, sie fraßen an Kleingetier, was ihnen über den Weg lief und hatten auch vor den kleinen Kaninchenjungen im Freilaufgehege keinen Halt gemacht. Als Maryl sah, dass ihre mit der Flasche aufgezogenen weißen Kaninchenbabies samt und sämtlich tot waren, wollte das Problem hier und jetzt beseitigen. Sie ergriff den Hammer und schlug auf die dickste Kröte ein, die sie am Bein erwischen konnte. Doch die drehte sich blitzschnell herum und konnte ihr gezielt aus einer ihrer Drüsen Gift direkt in die Augen sprühen. Sie ließ sofort von der Kröte ab, die daraufhin die Flucht ergriff. Erschrocken überlegte sie, was sie jetzt allein auf der Farm tun konnte. Das Telefon ging nicht, sie musste sofort zu einem Arzt. Also rannte sie zu ihrem alten Jeep, von dem sie nicht wusste, ob er die Fahrt bis zur nächsten Stadt durchstehen würde, aber ihr blieb keine Wahl. Wenn sie nicht sofort losfahren würde, hätte sie überhaupt keine Chance mehr, ihr Augenlicht zu behalten. Der Wagen rumpelte über die Straße und sie gab Gas. Ihre Sicht war wie durch eine Milchglasscheibe getrübt und es wurde immer schlechter, dennoch konnte sie die Straße noch einigermaßen erkennen. Sie raste, hinter ihr stiegen die Staubwolken hoch. Doch von Minute zu Minute verschlechterte sich die Sicht und es wurde dunkler. Der Abend brach herein und der dringend benötigte Regen sorgte zusätzlich für eine noch schlechtere Sicht. Auf einmal krachte es fürchterlich und danach hörte man nur noch ein Zischen, welches die plötzlich entstandene Stille wie ein Messer zerschnitt. Kein Tier und sonstige Geräusche waren ansonsten zu hören als hätten sie sich gleichsam erschrocken.
Maryl überlegte, bevor es um sie dunkel wurde, wie weit sie wohl gekommen war und ob jemand vielleicht in einem wahnwitzigen Zufall den Unfall gesehen haben könnte. Sie wusste doch, dass das wohl aussichtslos war. Sie wollte sich aufrappeln, aber ein heftiger Schmerz hinderte sie. Ihre verzweifelten Überlegungen verblassten langsam und eine friedliche Stille fing an sie zu umgeben. Sie entspannte sich während sie ohnmächtig wurde.
"Paul, wir müssen sofort aussteigen, mach schon!" Konstanze rüttelte ihrem regungslosen Mann unsanft. Dieser schüttelte den Kopf und schien in die Realität zurückzukehren. Der Aufprall den Autos auf ihren Wohnwagen war heftig gewesen und die Tür war anscheinend verbeult. Es war schwierig, sie wieder aufzubekommen. Paul trat mit einem heftigen Ruck dagegen und sie sprang auf. Konstanze und Paul sahen die Bescherung in der Dunkelheit schlecht.
"Konstanze, hol die Taschenlampe aus dem Wohnwagen!" Sein Tonfall drückte Besorgnis aus und er drängte auf Eile.
"Es ist eine junge Frau im Auto und sie bewegt sich nicht!" Er stieg aus, warf einen Blick durch die gesplitterte Seitentür und rüttelte am Griff. Trotz des Aufpralls ließ sie sich doch widerwillig öffnen. Gott sei Dank! Die Fahrerin zeigte keinerlei Reaktionen. Paul zog sie vom Fahrersitz und sie stöhnte im gleichen Augenblick, schien trotzdem nicht bei Bewusstsein zu sein.
"Konstanze, fass mal mit an, nimm ihre Beine!" Seine Frau stand hinter ihm, bereit, sofort zu helfen. Sie sah klein und wie gebadet aus. Der kurze Aufenthalt im Regen ließ sie wie gebadet aussehen.
"Paul, sie ist ja schwanger, schrie sie erschrocken auf und als sie das feststellte, sickerte der jungen Frau im Wrack zwischen den Beinen das Wasser hervor.
"Mein Gott, die Fruchtblase ist geplatzt!", jammerte sie in einem etwas hilflos klingenden Ton.
"Was machen wir denn jetzt? Wir müssen sie sofort in ein Hospital schaffen!"
"Dazu bleibt keine Zeit mehr!", kam es etwas gequetscht von Paul, denn mit geübten und sicherem Griff bettete er die Frau auf die Decke, die Konstanze schnell noch unter das Vordach des Wohnwagens legen konnte. Das Zelt hielt die Wassermassen kaum noch ab und sie entschlossen sich, trotz der Schwierigkeiten, Maryl in den Wohnwagen zu tragen. Die Eingangstür war ziemlich schmal und war nicht für solche Situationen geschaffen. Sie schafften es nach einer scheinbar endlos langen Zeit Hin- und Herprobierens. Kaum lag die Schwangere auf dem Bett, als die Wehen heftig begannen und wahrscheinlich nicht aufzuhalten waren.
"Du musst mir helfen! Hol irgendwie warmes Wasser!" Paul schien keinen Widerspruch zu dulden.
"Wir können sie doch hier nicht entbinden, was ist, wenn etwas passiert?" Konstanze war gar nicht erbaut über die Tatsache, dass sie die Situation selbst in die Hand nehmen wollten.
" Konny, wir haben keine andere Wahl. Bei dem Regen kommen wir nicht zum nächsten Ort, ohne im Schlamm zu versinken. Wir müssen den Morgen abwarten und auf Hilfe hoffen. Vielleicht funktioniert dann das GPS wieder. Und jetzt hilf mir endlich!
Konstanze konnte sich kaum dazu aufraffen. Sie selbst konnte keine Kinder bekommen und sollte hier bei einer Entbindung helfen. Der Schmerz um ihren Verlust riss sofort wieder ihre Geschichte auf. Sie war so oft schwanger gewesen und nie konnte sie die Kinder bis zur Lebensreife austragen. Makaber war nur, dass selbst Pauls Beruf, ein recht gut bestallter Chirurg, ihr keine Hilfe bringen konnte. Ein genetischer Defekt würde immer wieder das gleiche Problem hervorbringen. Sie hatten sich beide entschieden, das Thema endgültig zu begraben. Man konnte nicht alles haben. Paul wusste, wie sehr sie ein Kind brauchte und auch er hätte gern nicht nur eines gehabt.
In diesem Moment blieb aber keine Zeit für solche Gedanken, es war große Eile geboten, sollte bei der Entbindung nicht alles schief gehen. Er hatte keine Ahnung, ob sie sich bei dem Aufprall innere Verletzungen zugezogen hatte. Das Kind ließ kein Zögern zu, der Kopf war mit einem kurz Ruck durchgetreten und einen Augenblick später lang das ziemlich kleine Bündel schreiender Mensch auf dem Bett. Er durchtrennte schnell die Nabelschnur mit einer Schere und nachdem das geschehen war, setzten weitere Wehen ein.
"Uij, das geht aber schnell!" Paul war erstaunt über die sofort einsetzenden Nachwehen. Konstanze nahm zitternd den schreienden Säugling liebevoll in eine Decke gewickelt auf den Arm.
" Paul, ein kleines Mädchen!" Sie weinte bei dem Anblick. Sie hatte sich immer schon ein Mädchen gewünscht und nun hielt sie eines im Arm. Sie hätte es am liebsten behalten
"Das Kind ist ein wenig zu klein, wir müssen sie gut einwickeln, damit sie keine Wärme verliert. Nimm zwei leere Wasserflaschen und füll sie mit heißem Wasser. Die wickelst du in ein Handtuch und legst sie neben die Kleine!"
"Kann ich es nicht noch ein bisschen auf dem Arm halten?" Sehnsüchtig hing ihr Blick auf dem winzigen zerknautschtem Kindergesicht."
"Nein, sie braucht zusätzlich Wärme, du reichst nicht!"
Wie immer, sie war nicht ausreichend für ein Kind!. sie legte das Bündel auf das Bett und machte sich daran, die Flaschen herzurichten als Paul rief:
"Es sind keine Nachwehen, es kommt noch eins!"
Abrupt drehte sich Konstanze um und traute ihren Augen kaum. Tatsächlich war ein zweites Köpfchen sichtbar und kurz darauf war schon das Kind geboren. Konstanze nahm hektisch den kleinen Jungen auf. Er hatte kaum Haare auf dem Kopf, nicht so wie seine Schwester, die eine dunkle Mähne mitbekommen hatte.
"Schau doch mal, ob sie eine Handtasche mit Papieren in ihrem Auto hat. Vielleicht gibt es sowas wie einen Mutterpass. Das muss doch bekannt sein, dass sie Zwillinge bekommen soll oder ob sie eine Risikoschwangere ist. Vielleicht finden wir eine Adresse oder anderen Daten, denn einen Arzt muss es doch geben!" Paul schaute hoch, kleine Schweißperlen hatten sich auf seiner Stirn gebildet und er war sehr angestrengt.
"Bei Zwillingen muss man aufpassen, sie sind meist noch nicht ausgereift und ich weiß nicht, wie alt die Beiden sind! Mensch, wenn die das unter diesen Umständen nicht schaffen?!" So eine Situation wünscht sich kein Arzt, denn unter Umständen könnte er für Fehler haftbar gemacht werden.
Konstanze beeilte sich, um bei der Dunkelheit in dem unbekannten Auto etwas zu finden. Aber es waren keinerlei Taschen oder ähnliches zu finden und es schien so, als wäre sie übereilt davongefahren. Nicht mal ein Telefon hatte sie in dieser Einöde dabei, was ziemlich gefährlich sein musste. Jeder der Farmer in Australien hatte in der menschenleeren Gegend ein GPS Telefon. Meilenweit gab es keine Hilfe und man musste hier gut gewappnet sein, um einen Unfall für einige Zeit zu überstehen.
"Paul, ich kann nichts finden!"
"Dafür habe ich eine neue Nachricht für dich, denn es gibt ein drittes Kind!" Paul war selbst erstaunt über dieses Wunder und hielt verdattert einen weiteren, ziemlich kleinen und dürren kläglich schreienden Säugling in seinem Arm.
"Waaas, drei Kinder?" Sie riss die Augen auf und war wie erstarrt.
"Wir müssen etwas tun, wir können doch nicht die ganze Nacht mit drei Säuglingen hierbleiben. Sie müssen sofort etwas trinken! Paul, mach doch was!" Ihre Stimme wurde schrill und ängstlich. Sie sorgte sich um die Kleinen, denn sie sollten überleben!
Paul untersuchte kurz die Frau und schaute danach auf.
"Ich muss versuchen, sie an die Brust zu legen, vielleicht klappt es ja!" Er drehte sich wieder um, öffnete die Bluse der jungen Frau und probierte, das letzte Kind sofort anzulegen. Es war gar nicht schwierig, die Kleine schien darauf nur gewartet zu haben und saugte schmatzend und gierig.
In dem Moment öffnete Maryl die Augen und stöhnte ein wenig. Sie schien Schmerzen zu haben.
Paul schaute sie an und suchte nach ihrem Blick.
"Können sie mich hören?" Er versuchte mit seinem schlechten Englisch ihr etwas zu sagen. Sprachen waren noch nie sein Ding gewesen, dafür redete Konstanze in mehreren Sprachen gut genug, um als Einheimische zu gelten.
"What happens? I´m German"
Maryl schien nicht zu verstehen. Darauf versuchte Konstanze ihr Glück und sprach mit einem flüssigen Englisch langsam auf die abwesend wirkende junge Frau ein.
Sie war ganz aufgeregt und sprach schnell auf sie ein, denn sie schien scheinbar gar nicht auf die Ansprache zu reagieren, im Gegenteil, sie fing an zu jammern.
" Mein Kind, was ist mit meinem Kind?"
Konstanzes Augen weiteten sich ungläubig.
"Paul, sie ist eine Deutsche! Hast du verstanden, sie ist eine Deutsche!" Sie nahm sofort die Hand von Maryl und tätschelte sie. Doch diese schien schon wieder das Bewusstsein zu verlieren. Mit scheinbar verschwindenden Kräften stöhnte sie:
"Mein Baby, wieso ist mein Baby schon da?" Sie schaute ungläubig das kleine Mädchen an ihrer Brust an und tastete nach ihr. Doch ihre Augen blieben immer auf eine Richtung geheftet, so, als ob sie nichts sah. Merkwürdig!
"Es kann doch noch nicht da sein“!
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